
Eine Schilderung von dem Zeitzeugen Erich Schaufler
Die selbständige Gemeinde Schönbrunn zählte im Frühjahr 1946 (überschlägig) 120 Einwohner. Freier Wohnraum war da und dort in dem gräflichen Dorf vorhanden.
Es ist die Rede vom 30. Mai 1946, als der kleine Ort um weitere 87 Personen anwuchs. 40 Heimatvertriebene waren schon untergebracht oder kamen in den nächsten Tagen hinzu. Der große Schub waren Böhmerwäldler, jene Deutsche, die nach dem verlorenen Krieg von den Tschechen vertrieben wurden.
Wo war mein Heimatort Oberhaid?
Die Marktgemeinde Oberhaid (jetzt Horni Dvoriste), gegründet 1278, etwa 1 100 Einwohner, liegt 108 km ostwärts von Passau, an der Grenze zum oberösterreichischen Mühlviertel oder 50 km nördlich von Linz. Die Kreisstadt Krummau (Ceski Krumlov – Weltkulturerbe-Stadt) ist 35 km entfernt.
In der Zeit um 1200 warben Landbesitzer aus dem heutigen Tschechien im bayrischen Frankengebiet um arbeitswillige Einwanderer. Sie sollten die Mittelgebirgsregionen roden, urbar machen und besiedeln, was auch geschah.
(Erwähnenswert ist die Namensgleichheit mit dem Ort Oberhaid bei Bamberg, Oberfranken, wo auch der Nachbarort Unterhaid angrenzt. Es ist die gleiche Gegebenheit wie bei mir zuhause, wo auch einige Familien Bamberger hießen, wie auch ein Ort und ein Berg).
Wirtschaftliche Lage in meinem Heimatgebiet
Der untere Böhmerwald war mit den Städten Krummau und Budweis auch touristisch erschlossen. „Sommerfrischler“ brachten Geld in die Moldaulandschaft. Die Gegend war überwiegend forstwirtschaftlich strukturiert und technisch gut entwickelt. Oberösterreicher kauften gerne bei den Deutschen „herüben“ ein.
Meine sechsköpfige Familie (44, 41, 10, 7, 6 und ich 4 Jahre) hatte eine kleine Landwirtschaft mit etwa 12 Tagwerk landwirtschaftlichem Grund. Sie reichte offensichtlich für die Grundversorgung aus. Vater verdiente noch als Postbote hinzu. Alles war gerichtet, alles war gut! Einer schönen Zukunft stand nur Hitlers nationalsozialistische Politik im Wege.
Der Krieg
Im Herbst 1938 besetzte Hitlers Wehrmacht die grenznahen Landstriche, die von 3 Millionen Deutschen bewohnt waren. Er holte uns quasi „heim ins Reich“. Damit nicht genug, ein Jahr später im Herbst 1939 erklärte er den 7,5 Millionen Tschechen den Krieg. Am 8. Mai 1945 war dieser mit 350 000 toten Tschechen und 25 000 toten Deutschen verloren.
Die Vertreibung
Der Hass auf die Deutschen war demzufolge immens. Sofort wurden Strafmaßnahmen verhängt. So mussten die Erwachsenen weiße Armbinden tragen mit dem Buchstaben N (Nemec/Deutscher), durften keine öffentlichen Verkehrsmittel benutzen, mussten ab 20 Uhr im Hause sein und die Türen durften nicht abgeschlossen werden. Diejenigen, die Gewalt verübten oder gar töteten, wurden amnestiert. Und zudem war überall zu hören, dass die Deutschen vertrieben werden. Die Väter nagelten vorsorglich Kisten zusammen, falls es so kommen sollte. Alsbald wurde dann schon angeordnet, dass die Deutschen abgeschoben werden. Jeder erhielt eine Ausweisungsverfügung. In meinem Ort Oberhaid betraf es 900 Personen. Viele sind vorher schon über die nahe Grenze nach Oberösterreich geflohen.
Bis September 1946 wurde dann die Bewohnerschaft in 12 Schüben außer Landes gebracht. Wir waren im 2. Schub dabei. Für jede Person durften 50 Kg Habseligkeiten eingepackt werden, wobei Wertsachen (Geld, Schmuck etc.) und der Hausschlüssel im Gemeindeamt abzugeben waren. Noch etwas: das Vieh war vorher noch zu füttern.
Also, am 17. Mai 1946, 07.00 Uhr, mussten wir uns mit weiteren 108 Personen auf dem Marktplatz einfinden. Militär-Lastwägen standen bereit. Soldaten durchsuchten nochmals die Personen und das Gepäck nach Wertsachen, ehe die Abfuhr erfolgte. Nun ging es zu einer 14 km entfernten Kaserne, die als Lager eingerichtet und schon von vielen Leuten besetzt war. Die Aufenthaltsumstände waren verheerend. Das Essen bestand aus Wassersuppen, geschlafen wurde auf aufgestreutem Stroh und die Notdurft war in Gemeinschaft über einem langen „Donnerbalken“ zu entrichten. Kinder und alte Leute mussten von Begleitpersonen gehalten werden. Stürze in die Fäkaliengrube waren nicht selten, so die übereinstimmenden Erzählungen.
Vier Tage dauerte der Aufenthalt. In dieser Zeit erfolgte die Registrierung und eine ärztliche Untersuchung. Kranke Personen wurden aussortiert und nach Irgendwo in das Landesinnere gebracht.
Am 21. Mai 1946 erfolgte der Abschub. Der bereitgestellte Viehtransport-Zug nahm 1 203 Personen in 40 Waggons zu je 30 Leuten mit deren Gepäck auf. Als alles eingeladen und die breiten Schiebetüren verriegelt waren, nahm die 48-Stundenfahrt über Budweis, Pilsen, Taus nach Furth im Wald ihren Anfang. Mehrmals hielt er auf den freien Strecken an. Die Leute konnten unter Aufsicht austreten. Sonst standen in den Waggons Notdurft-Behältnisse.
Der schlimmste Umstand war wohl, dass keiner wusste, wohin der Zug ratterte. Während der Fahrt konnte der Verlauf nicht wahrgenommen werden, da die Viehwaggons keine Fenster hatten. Erst während der letzten 20 Km ahnten die Erwachsenen dann doch, dass nicht Russland, sondern das bayrische „Furth im Wald“ angesteuert werde. Dies war wohl nach vielen Wochen der Menschenunwürdigkeit der erste Sonnenstrahl für die Gedemütigten.
In der bisherigen Schilderung ist das Befinden der Vertriebenen nicht beschrieben. Jeder könne sich das aufgekommene und auf Dauer angelegte Wehklagen vorstellen. Wie wäre es denn heute, wenn wir fort müssten? In vielen Familien fehlte der Vater und/oder der erwachsene Sohn. Alte und greise Leute hatten es besonders schwer mit den unausweichlichen Umständen zurecht zu kommen. Die Mütter waren es, die hauptsächlich die ganze Last trugen.
In Furth in Wald angekommen, gab es von den Amerikanern etwas zu essen. Alle Personen wurden nochmals ärztlich untersucht und nackt, in der Reihe stehend, entlaust. Das ausgepumpte stinkende PPT-Pulver (nur für Tiere geeignet) hüllte die Leiber ein.
Auf diese Art und Weise hat der Tschechisch-Slowakische Staat uns 87 Oberhaider und weitere 750 000 Sudetendeutsche in Furth im Wald außer Landes gebracht.
Willkommen in Bayern?
Weiter ging es mit dem gleichen Transport nach Schwabach-Vogelherde, wo eine Verteilung auf Bayern erfolgte. Wir wurden nach Eichstätt-Turnhalle (jetzige Studentenmensa) gebracht und von dort in den Zug nach Kipfenberg gesetzt. Dort warteten zwei Traktoren mit Anhänger, auf denen die Behältnisse, die alten Leute und Kleinkinder transportiert wurden. Alle übrigen Personen mussten die neun Kilometer nach Schönbrunn zu Fuß meistern. Im Schlosshof angekommen und von den Dorfleuten erwartet, verköstigte dankeswerter Weise Gräfin v. der Schulenburg die „Neubewohner“ mit einer Kartoffelsuppe. Dem Bürgermeister Gustl Weichselberger oblag letztlich die Zuweisungen der Wohnungen.
Abschließende Bemerkungen
Wie schon erwähnt, ich war vier Jahre alt und weiß von der Vertreibung nur, dass ich an den Abenden ungut und weinerlich war, weil mir das Bett fehlte. Tagsüber war für mich offensichtlich alles interessant – die Fremde, das Zugfahren, die vielen Personen etc. Ich konnte ja auf die Mutter zugreifen.
Ab der Wohnsitznahme in Schönbrunn setzte bei mir die Wahrnehmung ein und die Vertreibung ließ mich nicht mehr los. Ich hörte den klagenden Betroffenen zu, las und sammelte viele Heimatartikel, machte Notizen und organisierte Heimattreffen hüben und drüben. Alt-Schönbrunner waren mir wertvolle Stofflieferanten. Meinen Bericht stelle ich nun der Öffentlichkeit zur Verfügung. Ein Buch mit mehr Ausführlichkeit lege ich der Gemeinde ins Archiv. Mit einem weiteren Bericht werde ich noch die Integrationsleistung der damaligen Schönbrunner (sie waren ja rechnerisch kurzzeitig in der Unterzahl) würdigen, waren sie doch in jeder Hinsicht mitfühlend, hilfsbereit und ehrenwert. Vier Schönbrunner können sich an damals noch erinnern, Heimatvertriebene leben dort nicht mehr.
Erich Schaufler, im Mai 2026
