Phil 4,6-10
Gott gibt uns in seiner Güte mehr, als wir verdienen – und Größeres, als wir erbitten.
Erntedank ist ein Fest der Fülle. Wir sehen Körbe mit Brot, Obst, Gemüse – Zeichen dafür, dass Gott uns reich beschenkt. Nicht nur mit dem, was wir zum Leben brauchen, sondern oft mit mehr: Menschen, die uns tragen. Momente, die uns aufrichten. Kraft, die wir nicht aus uns selbst haben.
Gott gibt aus Güte – nicht aus Berechnung. Er schenkt, weil er ein Herz für uns hat. Dagegen steht eine Versuchung unserer Zeit: Wir verwechseln Gottes Fülle mit dem Drang nach immer mehr. Mehr Besitz. Mehr Komfort. Mehr „Ich will“. Mehr „Ich brauche“. Mehr „Mir steht zu“. Dieser Weg ist ein Irrweg. Das schildert uns ein Märchen der Gebrüder Grimm: Die Geschichte vom Fischer und seiner Frau. Es erzählt von einem Fischer, der einen Butt, einen Zauberfisch, fängt. Der Fisch erfüllt Wünsche – und die Frau will immer mehr: erst ein Haus, dann ein Schloss, dann Königin, dann Kaiserin, am Ende sogar Gott sein. Und je mehr sie bekommt, desto leerer wird sie. Am Schluss sitzt sie wieder in der alten Hütte – und ist unglücklicher als zuvor. Das Märchen ist ein Spiegel: Noch so viel Materielles löscht nicht unseren Durst nach Glück und Sinn. Es füllt die Vorratskammer, aber nicht das Herz. Es füllt den Kühlschrank, aber nicht die Seele.
Das Erntedankfest sagt etwas anderes:
Gott gibt uns nicht alles, was wir begehren – aber alles, was wir brauchen, Früchte der Ernte und Früchte der Arbeit. Dass wir genug zum Leben haben und darüber hinaus, soll uns wieder bewusstwerden und dankbar machen. Aus diesem Grund sagt uns Paulus im Brief an Philemon: „Sorgt euch um nichts, sondern bringt in jeder Lage betend und flehend eure Bitten mit Dank vor Gott!“ Diese Einstellung hat heilsame Folgen für uns. Der Apostel fasst es in die Zusage: „Der Friede Gottes wird mit euch sein.“ Manchmal sogar schenkt Gott uns Größeres, als wir zu bitten wagen: Versöhnung nach einem Streit. Mut in einer schweren Stunde. Ein Wort, das uns trifft und heilt. Ein Mensch, der uns begleitet. Ein offenes Herz, das geben und teilen kann.
Wir leben in einer Zeit, die uns einredet: „Wenn du nur genug hast, wirst du glücklich.“ Aber unser tiefster Durst ist kein materieller. Es ist der Durst nach Sinn, nach Frieden, nach Geborgenheit, nach seelischem Halt. Dieser Durst wird nicht durch Konsum gestillt, sondern durch Gott.
Erntedank lädt uns ein, dies neu zu sehen: Nicht das „Mehr“ macht uns reich, sondern das „Genug“. Nicht das Haben erfüllt, sondern Zufriedenheit und Dankbarkeit und das Vertrauen in den Geber alles Guten. Nicht der Besitz schenkt Frieden, sondern die Nähe Gottes. Nicht nur an unsere Bedürfnisse zu denken, sondern auch an die, die zu wenig zum Leben haben. Denn die Güter, bzw. die Früchte der Erde, hat Gott für alle gedacht.
An diesem Erntedankfest gilt es darum, sich daran zu erinnern: Gott und Güte gehören zusammen, genauso wie der Glaube an Gott und die menschliche Solidarität. Gott gibt uns in seiner Güte mehr, als wir verdienen – und Größeres, als wir erbitten. Er will sich als das Glück schenken, das uns ganz erfüllt. Er schenkt es uns nicht immer so, wie wir es wollen, aber alles, was uns guttut und selig macht. Lassen wir uns von seiner Güte anstecken.
Alois Ehrl, DK i. R.

