…Besonders gerne half Sybilla der Mutter beim Brot backen…
Die Erinnerung daran ließ Sybilla aus ihrem Dahindämmern erwachen und Sie meinte, einen frischen Brotgeruch zu spüren. Sie spürte nagenden Hunger und Durst, den sie aber nur mit einer Handvoll Schnee stillen konnte. Sie sah sich zuhause an dem großen Tisch in der Küche sitzen vor dem gemauerten Ofen, auf dem in großen Töpfen und Pfannen das Abendessen zubereitet wurde. „Oi je, wann i grod a wos zum ejssen häd. I houn jo so an Hunger und Durst. Oft gang ma’s grod bejssa und i gang leichter hoam“, dachte Sybilla.
Im Sommer gab es besonders viel Arbeit, denn zusätzlich zur Haus- und Stallarbeit war noch die Arbeit auf den Feldern zu bewerkstelligen. Auf dem langen schmalen Feld, das direkt am Berghang lag, wurden im jährlichen Wechsel Kartoffel und Korn angebaut und im großen Feld, gleich hinter dem Haus wurden Rüben gepflanzt und Gerste. Diese hat Vater an einen Händler in Friedberg verkauft, der sie weiterlieferte an die große, schon fast fünfhundert Jahre alte Brauerei in Budweis. Von dort kam das gute Bier, von dem am Samstag Sybilla für den Vater im Gasthaus immer einen großen Krug voll holte. Und die Kinder durften dann auch einen Schluck davon trinken.
Abends, wenn es dunkel wurde, hat Mutter den Kienspan angezündet und in den Eisenring gesteckt, der an der Wand neben dem Herrgottswinkel angebracht war. Dann gab es das Abendmahl.
Die Mutter hat auf dem oberen Feld Flachs angebaut, gesponnen und daraus feines Leinen gewebt, aus dem sie für die Mädchen Kleider und Schürzen genäht hat und Hemden für die Buben.
Schon seit Sybilla ein junges Mädchen war, ist für sie im Winter das Federnschleißen die lustigste Beschäftigung. Die Frauen und die jungen Mädchen treffen sich immer abwechselnd bei den einzelnen Bauern, singen mit Vorliebe das Lied von der Wuida auf die die Sonne so guida scheint, lachen dabei und die jungen Mädchen überlegen schon, welcher Bursche zu Ostern ein schön geritztes Scheckl bekommt. Vielleicht findet sich dann auch der passende Heiratskandidat.
Die festen Federkiele werden dem Pfarrer und den Zisterzienserbrüdern im Kloster verkauft, damit sie daraus Schreibfedern machen können. Vater hat gesagt, dass es im Kloster einen großen Saal gibt, der voll ist mit schönen handgeschriebenen Büchern und auch solchen, die schon auf einer Maschine gedruckt wurden. Es sind schon so viele, dass bald eine neue Bibliothek gebaut werden muss.
Wir haben nur die Bibel, aus der Vater uns am Abend vor dem Schlafengehen vorlas.
Für Vater haben wir auch ein paar Federkiele aufgehoben. Er war sehr klug und konnte lesen und schreiben und sogar rechnen. Das musste er als Zimmerer können. Das hat er beim Pfarrer gelernt, denn eine Schule gab es zu seiner Kinderzeit noch nicht.
Diese wurde erst sieben Jahre nach Sybillas Geburt, oben im Pfarrdorf, neben der Kirche gebaut. Vater schickte die Kinder aber nicht hin, einmal weil der Weg so weit ist und vor allem, weil sie immer mit irgend einer Arbeit beschäftigt waren und keine Zeit hatten. Für die Mädchen ist es sowieso nicht notwendig, meinte er, weil sie heiraten und sie dann das Gelernte nicht mehr brauchen. Vater hat den Kindern aber trotzdem das Buchstabieren beigebracht, damit sie in der Bibel lesen können und er hat ihnen gezeigt, wie sie ihren Namen zu schreiben haben. Auch ein bisschen Rechnen hat er ihnen beigebracht, damit die Händler, die immer in das Dorf kamen, oder die durchziehenden Hausierer sie nicht betrügen können.
Nur Hannes, der einmal den Hof erben sollte, durfte im Winter, wenn nicht so viel Arbeit war, die Schule besuchen.
Vater hat viel gewusst und konnte viel erzählen. In seiner Jugend, als er auf der Walz war, kam er weit im Land herum, sogar bis Wien, Bayern, Tirol und Prag.
Am besten gefiel Sybilla wenn er von der Prinzessin Maria Theresia in Wien, die später mal Kaiserin werden wird, von König Ludwig XIV. in Frankreich, Peter dem Großen in Russland und dem Alten Fritz aus Preußen erzählt, die in prächtigen Schlössern wohnen.
Sybilla konnte sich das gar nicht richtig vorstellen. Sie sollen angeblich viel schöner und größer sein als die Schlösser in Krummau und Rosenberg, die sie schon ein paar Mal gesehen hat, wenn sie dort auf dem Markt war.
Alle diese Neuigkeiten hat er von den durchziehenden Fremden gehört, wenn er unten in Friedberg war.
Gerade neulich hat er auch gehört, dass der Kaiser Karl VI. schon wieder Streit hat mit dem preußischen König Friedrich Wilhelm und der junge russische Zar Peter II. der jetzt in St. Petersburg regiert, zankt sich mit den Türken.
Immer wieder streitet sich ein Land mit dem anderen, und immer wieder wird das Volk hineingezogen. Hoffentlich gibt es keinen neuen Krieg.
Manchmal kann man schon wieder wilde Soldatenhorden beobachten, die unten durch das Moldautal ziehen. Aber herauf, auf den Berg, kommen sie selten. Man erzählt sich, dass sie oft ganz schreckliche Dinge anstellen, brandschatzen, plündern und morden.
Sybilla schreckte aus dem Schlaf. „San do heid nid a poar von dej rauha Gsölln im Woid unterwejgs gwejn?“ Sie überlegte fieberhaft, aber es wollte ihr einfach nicht mehr einfallen. Sie war aber auch gar nicht ganz wach geworden und schlief gleich wieder ein und träumte den schönen Traum ihrer Jugend weiter.
