“Ein Sudetendeutscher Tag für die Geschichtsbücher”

Das erste Pfingstreffen in der Tschechischen Republik ist in Tschechien und Deutschland auf breite Resonanz gestoßen

„Nur wer wagt, gewinnt“, hatte Bernd Posselt in seinem Leitartikel zum neuen Jahr in der Sudetendeutschen Zeitung geschrieben. Es war der Einstieg in ein besonderes Jahr. 80 Jahre, nachdem die meisten Sudetendeutschen aus ihrer jahrhundertealten Heimat vertrieben worden sind, hat erstmals ein Sudetendeutscher Tag in der Tschechischen Republik stattgefunden. Daß dies ein historischer Erfolg für die (sudeten-)deutsch-tschechische Verständigung wird, war noch vor Wochen nicht unbedingt absehbar.

Bei seinem Antrittsbesuch bei Ministerpräsident Markus Söder im Februar in München hatte der neue tschechische Premierminister Andrej Babiš noch wenig aufgeregt reagiert. Zu der Einladung der Initiative Meeting Brno und den Planungen für den Sudetendeutschen Tag in Brünn sagte Babiš in der Pressekonferenz: „Wir haben uns in der Regierung nicht mit dem Thema beschäftigt. In unseren Augen ist das die Initiative von Bürgern. Ich habe offiziell keine Position dazu.“

Doch dann begannen in der Koalition seine rechtsradikalen Juniorpartner SPD und Autofahrer-Partei Druck zu machen, insbesondere SPD-Parteichef Tomio Okamura und Außenminister

Petr Macinka, die versuchten eine antideutsche Stimmung zu entfachen. Gelungen ist ihnen das nicht. Auf dem Mährischen Platz und beim Brünner Versöhnungsmarsch zeigten Sudetendeutsche und Tschechen, wie gelebte Versöhnung funktioniert. Und zwar ohne dabei die Vergangenheit grundsätzlich zu vergessen.

So bildete den Auftakt dieses historischen Sudetendeutschen Tags am Donnerstag am Brünner Hauptbahnhof ein Gedenken der Schoa-Opfer. Viele Brünner Juden waren hier am Gleis 5 in Viehwaggons von den Nazis in die Vernichtungslager deportiert worden. Posselt nutzte diesen Gedenkauftakt für zwei Botschaften insbesondere an die Kritiker des Sudetendeutschen Tags.

Erstens begrüßte er die Demonstranten und meinte, er freue sich, denn vor der Samtenen Revolution seien öffentliche Proteste nicht möglich gewesen.

Und zweitens nahm Posselt alljenen den Wind aus den Segeln, die immer noch meinen, die Sudetendeutschen wollten ihre eigene Geschichte nicht wahrhaben. Zum wiederholten Mal bat Posselt öffentlich im Namen aller Sudetendeutschen um Vergebung für die Taten, die unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft auch von zahlreichen Sudetendeutschen begangen worden sind.

Der Brünner Versöhnungsmarsch war dieses Mal ein Gedenken aller Vertreibungsopfer und erinnerte nicht ausschließlich an den Brünner Todesmarsch im Mai 1945 im Rahmen der Wilden Vertreibung. Auch dieser Tag war historisch. Mit mehreren Tausend Teilnehmern, die vom Massengrab in Pohrlitz gemeinsam in ihre Stadt Brünn zurück gingen, war dies eine eindrucksvolle Demonstration, zumal sie von führenden Politikern beider Länder unterstützt wurde. Für Deutschland und Bayern nahmen Bundesinnenminister Alexander Dobrindt und Bayerns weitere Ministerpräsidentin Ulrike Scharf teil. Und für Tschechien führte Senatspräsident Miloš Vystrčil auf dem letzten Kilometer den Versöhnungsmarsch an und entfachte am Mahnmal im Augustinerkloster eine Kerze für die deutschen Opfer der Vertreibung. Und am Pfingstmontag folgte das Gedenken der tschechischen Opfer am Kaunitz-Kolleg.

Politischer Höhepunkt auch dieses Sudetendeutschen Tages war die Hauptkundgebung am Pfingstsonntag in der Brünner Messe. Im Fokus standen dieses Mal nicht nur die Festreden des Volksgruppensprechers und des Ministerpräsidenten als Schirmherrn, sondern eine besondere Ehrung.

Posselt verlieh den Europäischen Karls-Preis, die höchste Auszeichnung der Sudetendeutschen, an den Brünner Ehrenbürger, Schriftsteller, ehemaligen Dissidenten und Parlamentspräsidenten Dr. Milan Uhde. Posselt würdigte ihn als „todesmutigen Vorkämpfer der Menschenrechte, bedeutenden, völkerverbindenden Schriftsteller und Politiker von europäischem Format“. Der Sudetendeutsche Tag in Brünn sei maßgeblich auch seiner Initiative zu verdanken.

Besonders war auch die Teilnahme zweier Winton-Kinder und des Sohnes von Sir Nicholas Winton, Nick Winton, an mehreren Veranstaltungen des Sudetendeutschen Tags. Milena Grenfell-Baines und Eva Paddock waren im Sommer 1939 mit dem letzten Kinder-Transport von Prag nach England vor den Vernichtungslagern der Nazis gerettet worden. Alle drei eint das große Ziel „Nie wieder“.

Nick Winton wurde in Brünn von einer tschechischen Zeitung mit einem großen Satz zitiert: „Vergebung bedeutet nicht zu sagen, daß jemand nicht schuldig war. Vergebung bedeutet anzuerkennen, daß diese Taten geschehen sind, und gemeinsam weiterzuleben.“

„Der Sudetendeutsche Tag hat in allen Punkten meine sehr optimistischen Erwartungen bei weitem übertroffen“, zog Volksgruppensprecher Bernd Posselt Bilanz. Diese Einschätzung wurde auch von den anwesenden Politikern aus Bayern bestätigt. MdL Jürgen Mistol (Grüne), der auch den Versöhnungsmarsch mitgegangen ist, konnte das nur bestätigen: „Man sieht, daß Völkerverständigung und Aussöhnung zwei Seiten brauchen. Das ist in Brünn gegeben gewesen mit der Sudetendeutschen Landsmannschaft und der Initiative Meeting Brno, die seit zweieinhalb Jahrzehnten dafür arbeitet, daß über das Thema auch in Tschechien gesprochen wird.“

Volkmar Halbleib, MdL und Vertriebenenpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion: „Ich bin tief beeindruckt. Es war auch für mich ein bewegender Moment. Meine Mutter, die aus dem Egerland stammte und vor zwei Jahren verstorben ist, hätte sich so eine Geste zeitlebens gewünscht. Es war ein sehr gelungener Sudetendeutscher Tag – trotz der Proteste oder vielleicht auch wegen der Proteste. “

Dr. Petra Loibl, CSU-MdL und Beauftragte der Bayerischen Staatsregierung für Aussiedler und Vertriebene: „Es war ein historischer Sudetendeutscher Tag. Ich bin froh und dankbar, daß ich dabei sein durfte. Man hat eine richtige Aufbruchsstimmung gespürt.“ Torsten Fricke

Grußwort von Dr. Markéta Vaňková, Oberbürgermeisterin der Stadt Brünn

„Unrecht läßt sich nicht durch weiteres Unrecht beseitigen“

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Nachbarn, verehrte Gäste, ich möchte Sie herzlich in unserer schönen Stadt begrüßen.

Brünn ist eine Stadt mit einem außergewöhnlichen kulturellen Gedächtnis. Schon immer war es ein Ort, an dem Menschen verschiedener Sprachen, Kulturen, Glaubensrichtungen und Traditionen nebeneinander lebten. Ihr wirtschaftliches, kulturelles und intellektuelles Leben wurde gemeinsam von Tschechen, Deutschen und Juden geprägt.

Brünn ist zudem eine grüne Stadt, eine Stadt, die ruhige Orte bietet, an denen man entspannen und neue Kraft schöpfen kann. Einer dieser Orte ist auch der Brünner Stausee. Den ich mir nun für eine kleine Metapher ausleihe.

Die Oberfläche dieses Stausees wirkt auf den ersten Blick meist ruhig und ausgeglichen. Doch es genügt, einen großen Stein hineinzuwerfen, das Wasser trübt sich, der Schlamm vom Grund steigt auf, es entsteht Unruhe. Und alles Lebendige zieht sich erschrocken zurück. Es kann lange dauern, bis die ursprüngliche Entspanntheit und das Vertrauen wieder zurückgekehrt sind. Aber nichts wird wieder so sein, wie es vorher war, und auch die Steine bleiben irgendwo liegen.

Solche Momente kennen wir auch aus der Geschichte unserer Länder. Genau deshalb hat unsere heutige Begegnung in Brünn eine tiefere Bedeutung. Wir begegnen uns nicht, um die unermeßlichen Schrecken des Zweiten Weltkriegs in Frage zu stellen, das Unrecht wieder aufleben zu lassen und es vereinfacht in schwarz-weiße Urteile zu gießen. Wir treffen uns hier, um Verständnis zu suchen. Unrecht läßt sich nicht durch weiteres Unrecht beseitigen. Unrecht bleibt Unrecht. Ob beim ersten oder hundertsten Mal. Die einzige Möglichkeit, die eine Zukunft eröffnen kann, ist die Versöhnung. Es braucht den Mut, der Vergangenheit ins Auge zu schauen, aber gleichzeitig nicht zuzulassen, daß Haß unser Schicksal und das Schicksal künftiger Generationen bestimmt.

Umso bedeutungsvoller sind Momente wie diese. Wenn wir nebeneinander statt gegeneinander stehen. Momente, in denen die Nachkommen derer, die gehen mußten, nicht mit Forderungen und dem Wunsch nach Vergeltung kommen, sondern mit dem Wunsch, die Heimat ihrer Vorfahren kennenzulernen und neue Beziehungen zu knüpfen. Es ist unsere Verantwortung, Brücken zu bauen zwischen Erinnerung und Verständnis zwischen den Völkern, die einst durch Krieg und Haß getrennt wurden. Ob wir nun tschechisch oder deutsch sprechen, es geht immer in erster Linie um konkrete menschliche Schicksale, um unsere Mütter, Kinder, Familien, um verlorene Liebesbeziehungen, um die verlorene Heimat, aber auch um wiedergewonnenes Vertrauen.

Heute, da unweit von uns bereits im fünften Jahr Krieg tobt, wird uns noch stärker bewußt, wie zerbrechlich der Frieden ist, wie leicht und schnell Nationalismus, Angst und die Spaltung der Gesellschaft Nachbarn zu Feinden machen können. Ich danke denen, die den Mut bewiesen haben, auch über schmerzhafte Themen zu diskutieren, zu sprechen, sich auszutauschen. Und ich danke allen, die daran glauben, daß Versöhnung keine Schwäche, sondern eine Stärke ist. Ich wünsche mir von ganzem Herzen, daß wir trotz unserer schmerzhaften Vergangenheit unseren weiteren Weg gemeinsam beschreiten können. Ich wünsche mir, daß aus Brünn eine wichtige Botschaft deutlich in voller Kraft erklingt. Die Botschaft, daß die Stärke Europas nicht darin liegt zu vergessen, sondern in der Fähigkeit, aus der eigenen Geschichte zu lernen. Ich danke Ihnen.

Ein Handschlag gegen Haß und Hetze

Staatspräsident Petr Pavel empfängt Bayerns Ministerpräsidenten Markus Söder auf der Prager Burg

Es ist mehr als eine Geste. Es ist ein klares Statement für Demokratie und Völkerverständigung: Tschechiens Staatspräsident Petr Pavel hat Bayerns Ministerpräsidenten Markus Söder nur Stunden nach dessen Rede auf dem Sudetendeutschen Tag in Brünn am Pfingstsonntag auf der Prager Burg empfangen.

Das Staatsoberhaupt konterte damit einer Kampagne, die die Rechtsaußen, Parlamentspräsident Tomio Okamura und Außenminister Petr Macinka, gegen die deutsch-tschechische Verständigung initiiert hatten. Zuvor hatte Pavel bereits die Schirmherrschaft für das Festival Meeting Brno, unter dessen Dach der Sudetendeutsche Tag erstmals in der Tschechischen Republik stattfand, übernommen.

Söder kommentierte nach dem Treffen: „Bayern und Tschechien sind Freunde und Partner: Vielen Dank an Präsident Petr Pavel für die Einladung. Bayern und Tschechien haben die letzten Jahre ein neues Kapitel der Zusammenarbeit aufgeschlagen. Das werden wir weiter intensivieren. Früher lagen unsere Länder am Rand der Blöcke – heute gestalten wir im Herzen Europas.“

Und Pavel erklärte: „Wir waren uns einig, daß die tschechisch-deutschen Beziehungen auf gegenseitigem Respekt und einer gemeinsamen Zukunftsperspektive beruhen und daß die Vergangenheit kein Hindernis für gutnachbarliche Beziehungen sein darf. Bayern ist unter den deutschen Bundesländern ein wichtiger Wirtschaftspartner für uns, weshalb es umso wichtiger ist, die Zusammenarbeit weiter auszubauen, beispielsweise in den Bereichen Verkehr, Handel, Kultur, Tourismus oder Gesundheitswesen.“

Söder unterstrich, daß Bayern auch „ein Anwalt Tschechiens“ gegenüber dem Bund sei. „Gerade in einer Welt im Wandel mit immer neuen internationalen Krisen und Kriegen brauchen wir Gemeinsamkeit in Europa. “

Am Freitag vor Pfingsten hatte Pavel außerdem mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier telefoniert. In einer gemeinsamen Erklärung hieß es anschließend: „Gutnachbarschaftliche Beziehungen sind Eckpfeiler jeder Außenpolitik. Tschechien und Deutschland verbindet heute eine außergewöhnlich enge und starke Partnerschaft. Wir legen großen Wert auf den Pfad der Versöhnung, den unsere Nationen nach einem dunklen und schmerzhaften Kapitel unserer Geschichte beschritten haben. Im Geist von gegenseitigem Verständnis, Respekt und Partnerschaft haben unsere Länder einen weiten Weg zurückgelegt.“

Rekordbeteiligung am Brünner Versöhnungsmarsch

Die Menschlichkeit ist zurück in Brünn

„Es gab nicht nur den einen Brünner Todesmarsch, der am 30. Mai 1945 am Augustinerkloster begann, sondern einen weiteren am 6. Juni von der Wiener Straße in Brünn“, erklärt Dr. Günter Reichert auf der Busfahrt vom Hotel Internatioal nach Pohrlitz. 60 000 Deutsche lebten 1944 in Brünn. Als die Rote Armee im Frühjahr 1945 immer näherrückte, flüchtete wer konnte Richtung Westen. Zurück blieben alte Männer, Frauen und Kinder oder jene, die selbst unter den Nazis gelitten hatten und sich keinerlei Mitschuld bewußt waren. Am 26. April hatte die Rote Armee dann die deutsch-jüdisch-tschechische Stadt eingenommen. Und mit der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht am 8. Mai 1945 waren der Zweite Weltkrieg und die menschenverachtende Nazi-Herrschaft beendet. Es herrschten wieder Recht, Gesetz, Frieden – eigentlich. 

Es ist kurz nach acht Uhr. Und ein ganzes Dutzend an vollbesetzten Bussen rollt auf der Autobahn gen Süden der österreichischen Grenze entgegen. Das Interesse am Brünner Versöhnungsmarsch sprengt dieses Jahr alle Dimensionen. Statt Hunderte sind es Tausende Sudetendeutsche und Tschechen, die gemeinsam in ihre Stadt zurückgehen wollen. Tage zuvor hatte Meeting Brno, der Veranstalter, die Anmeldung stoppen müssen.

Am Fronleichnamstag 1945 war es ebenfalls 8 Uhr, als eine im Rückblick schwer erklärbare Koalition aus Arbeitern der Brünner Rüstungswerke und ehemaligen Häftlingen der Nazis, unterstützt von Partisanen, damit begann, unter Waffengewalt 20 000 bis 25 000 Menschen vom Augustinerkloster in Richtung Österreich zu treiben – ohne jede Form von Menschlichkeit. Wer nicht mehr konnte, wurde erschlagen oder erschossen und am Straßengraben liegengelassen.

Nach einer halben Stunde erreicht der Bus, in dem Dr. Reichert einen kurzen, fundierten Abriß der damaligen Nachkriegsverbrechen gab, die Gedenkstätte in Pohrlitz. Es wimmelt bereits von Menschen. Laufend kommen neue Busse an. Die Polizei hat die Landstraße gesperrt und regelt den Verkehr.

Auch im Mai 1945 herrschten hier Enge und Gedränge. Weil Österreich die Grenze geschlossen hatte, werden die Brünner Deutschen in einer Lagerhalle eingepfercht. Die Verhältnisse sind unmenschlich. Es grassiert Hunger und Durst. Es gibt keine Toiletten. Seuchen brechen aus – das große Sterben beginnt.  Allein hier, im Massengrab von Pohrlitz, sollen 800 Menschen begraben sein. Wie viele Opfer der Brünner Todesmarsch insgesamt gefordert hat, darüber gibt es unterschiedliche Angaben. Aber welchen Sinn macht ein Streit um Zahlen, wenn jedes einzelne Menschenleben zählt?

Es ist 8.31 Uhr, als eine Kolonne mit schwarzen Limousinen Pohrlitz erreicht. Es folgt das übliche Prozedere. Beim Wagen in der Mitte, einem 7er BMW mit schwarz-rot-goldener Standarte, bleiben die Türen geschlossen. Aus den anderen Limousinen steigen die Personenschützer des Bundeskriminalamtes aus. Trotz der Hitze tragen die BKA-Beamten Anzug. Und unter deren Hemden zeichnen sich die Unterziehwesten ab. Kurz darauf steigt auch Bundesinnenminister Alexander Dobrindt aus und wird begrüßt von Steffen Hörtler, der als Landesobmann der SL-Bayern seit Jahren am Brünner Versöhnungsmarsch teilnimmt, Stephan Mayer, MdB und Präsident des Bundes der Vertriebenen, und den Vertretern von Meeting Brno, Petr Kalousek, David Macek und Veronika Smyslová.

Auch Staatsministerin Ulrike Scharf ist bereits in Pohrlitz – aber anders als Dobrindt im sportlichen Outfit. Sie wird einen Großteil der Strecke mitgehen, während Dobrindt und Volksgruppensprecher Bernd Posselt in der Brünner Messe den Sudetendeutschen Tag eröffnen.

Bereits im Vorjahr hatte die Schirmherrschaftsministerin am Brünner Versöhnungsmarsch teilgenommen. Und ihre empathische Rede zeigt, daß die Ministerin diese Eindrücke nachhaltig geprägt haben.

Die Delegation geht vorbei an dem großen Eisenkreuz mit den beiden Gedenkplatten. Unbekannte hatten sie in der Nacht mit Hakenkreuzen beschmiert – was Tschechiens aufrechter Staatspräsident Petr Pavel mit scharfen Worten öffentlich kritisierte. Genau hier hatte der rührige Bürgermeister von Pohrlitz, Miroslav Novák, vor einem Jahr Volksgruppensprecher Bernd Posselt empfangen, um gemeinsam und abseits der großen Öffentlichkeit der Opfer zu gedenken. Die Schmierereien sind ihm peinlich – auch wenn er dafür nun wirklich nicht verantwortlich ist.

In der Menschenmenge kommt es für Minister Dobrindt zu einer besonderen Begegnung. Ihm werden zwei ältere Damen vorgestellt. Milena Grenfell-Baines und Eva Paddock. Im Sommer 1939 waren sie mit dem letzten Kindertransport von Prag nach Großbritannien vor den Nazis gerettet worden. An ihrer Seite ist Nick Winton, der Sohn von Sir Nicholas Winton, der damals 669 meist jüdische Kinder vor dem Tod in den Konzentrationslagern bewahrt hat. Für Volksgruppensprecher Bernd Posselt ist dies bereits die zweite Begegnung mit diesen Zeitzeuginnen, die sich weltweit für das „Nie wieder“ engagieren.

Beobachtet wird die gesamte Szenerie von einer Handvoll Gegendemonstranten, die hinter der Hecke stehen – was ungewollt komisch wirkt.

Nach Reden, Gebet und Kranzniederlegungen sowie einem Gruppenfoto von einer Hebebühne beginnt kurz nach 10 Uhr der Marsch zurück nach Brünn. Es sind Tausende, die sich in diesem besonderen Jahr gemeinsam auf den Weg machen. Darunter auch die Landtagsabgeordnete Kerstin Celina, die bereits im Vorjahr die gesamte Strecke mitgegangen ist, und ihr Kollege Jürgen Mistol, der sich seit Jahren für die bayerisch-tschechische Aussöhnung engagiert. Kurz nach Pohrlitz führt die Strecke über die Autobahn. Dann folgt eine Abzweigung nach links. Es geht einen Hügel hinauf. Von hier sieht man, wie sich das Teilnehmerfeld über mehrere Kilometer hinzieht. Die Beteiligung am Brünner Versöhnungsmarsch ist unglaublich. Was 2007 der Student Jaroslav Ostrčilík mit zwei Kommilitoninnen, die ihn damals aus reinem Mitleid begleitet hatten, gestartet hat, ist zu einer eindrucksvollen Demonstration der Versöhnung geworden – es sind Tausende. An einigen Stellen hatten Gegendemonstranten ihre Parolen auf den Teer gesprüht. Aber es gab auch Widerspruch. „Willkommen daheim“ prangte in großen Lettern auf der Straße.    

Nach 17 Kilometern ist in Großraigern der erste Halt. Wasser, Verpflegung und Bier stehen bereit – anders als vor über 80 Jahren. Plötzlich wird es laut. Eine Rockergruppe, die die rechtsradikale Autofahrerpartei unterstützt, nutzt den Kreisverkehr für ihren Protest. Haß und Hetze in Lederjacken – die Mimen und Gesten der Rocker dürften denen der Bewacher des Brünner Todesmarsches nicht unähnlich gewesen sein. Aber heute hat die tschechische Polizei alles im Griff.

Stunden später erreichen die Versöhnungsmarschierer dann das Gymnasium an der Wiener Straße, der traditionelle Treffpunkt vor der letzten Etappe. Hier warten ebenfalls Tausende, um gemeinsam den letzten Kilometer bis in den Garten des Augustinerkloster zu gehen. An der Spitze ist der zweithöchste Mann Tschechiens, Senatspräsident Miloš Vystrčil. Gemeinsam mit Staatspräsident Petr

Pavel hatte er die Schirmherrschaft über das Festival Meeting Brno inklusive des Versöhnungsmarsches und des Sudetendeutschen Tags übernommen und damit ein deutliches Zeichen gesetzt.

Auf dem Weg durch die Brünner Innenstadt geht Vystrčil unaufgeregt und aufrecht an den Demonstranten vorbei. Der Mann hat Größe. Im Klostergarten setzt der Senatspräsident dann das nächste Zeichen. Er entzündet eine Kerze – am Mahnmal für die sudetendeutscher Opfer des Brünner Todesmarsches. Die Menschlichkeit ist zurück in Brünn. Torsten Fricke

Sudentendeutscher Tag 2026 – Kranzniederlegung

Mährischer Platz in Brünn

Der lange Tisch der guten Laune

„Wir müssen nach dem suchen, was uns verbindet, und nicht nach dem, was uns trennt“, hatte der neue Prager Erzbischof Stanislava Přibyl vor wenigen Wochen bei seiner Amtseinführung appelliert. Meeting Brno hat diese Worte mit der Aktion „Der lange Tisch“ am Freitag auf dem Mährischen Platz in Brünn umgesetzt.

Bei Bier und Schmankerln, Musik und Tanz kamen Sudetendeutsche und Tschechen schnell ins Gespräch – umrahmt auch hier von ein paar Gegendemonstranten, deren steinerne Mienen Volksgruppensprecher Bernd Posselt launig so interpretierte: „Die würden am liebsten mitfeiern, aber deren Auftraggeber haben es ihnen verboten.“

„Unsere Einladung ist angenommen worden. Das freut uns sehr. Das Konzept geht auf. Alle kommen an diesem Nachmittag miteinander ins Gespräch“, freut sich Petr Kalousek von Meeting Brno über den vollbesetzten Platz.

Schirmherrschaftsministerin Ulrike Scharf war von der Veranstaltung begeistert und schrieb anschließend auf ihrem Facebook-Kanal, daß vor allem viele junge Menschen diesen Ort der Begegnung mitten in Brünn genutzt haben. Ebenfalls unter den zahlreichen Gästen waren Dr. Bernd Fabritius, der Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, und natürlich zahlreiche Vertreter der Sudetendeutschen Landsmannschaft, wie Volksgruppensprecher Bernd Posselt, Christa Naaß, Präsidentin der Sudetendeutschen Bundesversammlung, und Steffen Hörtler, Landesobmann der SL in Bayern.

Und auch friedliche Gegendemonstranten, die sich nach anfänglichem Zögern doch an den langen Tisch trauten, wurden mit ausgestreckter Hand zum Gespräch eingeladen. Insbesondere Radek Novák vom Kulturverband der Bürger deutscher Nationalität (rechts) sowie die Karls-Preisträger Milan Horáček und Dr. Libor Rouček diskutierten engagiert für die Völkerverständigung.

Ein weiterer Höhepunkt waren die Auftritte der Trachtengruppen. Sogar eine Abordnung aus Brasilien zeigte ihr Können und machte deutlich, daß es wohl keinen Ort auf der Welt gibt, wo nicht auch Sudetendeutsche leben. Die Veranstaltung wurde vom Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds unterstützt. Torsten Fricke