Sybilla schreckte aus dem Schlaf. „San do heid nid a poar von dej rauha Gsölln im Woid unterwejgs gwejn?“ Sie überlegte fieberhaft, aber es wollte ihr einfach nicht mehr einfallen. Sie war aber auch gar nicht ganz wach geworden und schlief gleich wieder ein und träumte den schönen Traum ihrer Jugend weiter.
Vater hatte noch ein Stückchen Land dazugekauft, weil er jetzt ja eine große Familie hatte; Vater, Mutter und neun Kinder. Die Kinder waren mittlerweile schon groß und der Vater alt und gebrechlich geworden.
Joannes der älteste Bruder und drei Jahre jünger als Sybilla, ist schon seit fast zwanzig Jahren mit Ursula verheiratet, der Tochter von Pauli und Maria Proll aus Stüblern, wo ihr Vater Richter war. Es war eine schöne Hochzeit, am Freitag nach Lichtmess im Jahr 1711.
Das war in dem Jahr, als in Wien der Kaiser Joseph I. gestorben ist und sein Bruder Karl VI neuer Kaiser wurde. Im gleichen Jahr haben auch die Russen einen Krieg gegen die Türken geführt. Die Schlachten haben sich sogar bis nach Rumänien hin gezogen. Ein paar Burschen aus dem Böhmerwald sollen angeblich für den Zar gekämpft haben.
Nach der Hochzeit hatte Vater dem Joannes den Hof übergeben. Sieben Jahre später, am Johanni-Tag, ist Vater verstorben. Er war um die siebzig Jahre alt. Mutter hat noch vier Jahre gelebt und ist nach der Kartoffelernte, so wie die meisten Frauen, an Wassersucht mit vierundsiebzig Jahren verstorben.
Sybilla und ihr Bruder Hyacinthus, den alle nur Zintl nannten und der zehn Jahre jünger ist als sie, haben nie geheiratet und sind als Magd und Knecht auf dem Hof beim Bruder geblieben.
Sybilla mangelte es nicht an Burschen, die ihr den Hof machten. Aber Vater konnte für Sybilla keine Mitgift mehr aufbringen und das Muttergut ihrer Mutter Agneta war aufgezehrt. Es galt deshalb, zuerst die Kinder aus der zweiten Ehe zu verheiraten.
Sybilla und Zintl sind genügsam und brauchen nicht viel. An den hohen Feiertagen gehen sie manchmal nach Friedberg oder sogar nach Hohenfurth oder Rosenberg, wenn dort ein Markttag abgehalten wird. Meistens bleibt es aber beim Anschauen und Staunen über die vielen schönen Sachen, die dort in den Buden gezeigt werden. Zintl kaufte mal für sich selbst und für Joannes eine Pfeife und Sybilla hat für Ursula, ihre Schwägerin, ein Kopftuch gekauft und für ihre Neffen und Nichten Naschwerk mitgebracht.
Mit Ursula gab es deshalb schon Reibereien, besonders wenn sie die Kinder zu sehr verzog. Als Catharina, die älteste Tochter ihres Bruders, geboren wurde, war Sybilla schon beinahe 40 Jahre alt. Besonders Adamus, ein aufgeweckter, lustiger und gescheiter Bub der einmal den Hof übernehmen sollte, war ihr sehr ans Herz gewachsen.
Im Abstand von drei, vier Jahren folgten Magdalena, Johannes und Apolonia.
Jetzt fielen ihr auch wieder ihre eigenen Geschwister ein. Was mag aus denen geworden sein? Das waren jetzt auch schon alte Leute.
Sophia und Ephemia haben geheiratet. Es wollte ihr aber nicht einfallen, wen sie geheiratet haben. Sicherlich einen Burschen aus einem weiter entfernten Ort, denn sie hat sie bei ihren sonntäglichen Kirchgängen nie mehr gesehen.
Die Ursula hat den Udalricus Valenti geheiratet und wohnt jetzt in Mörowitz. In der Kirche sieht sie sie nicht, denn die gehen in ihre eigene Pfarrkirche nach Friedberg. Sie besuchen sich aber wenigstens zwei oder drei Mal im Jahr, weil der Ort nur eine gute halbe Stunde Fußmarsch entfernt ist.
Auch die Maria besucht sie manchmal an hohen Feiertagen. Sie hat in der Kirche in Friedberg den Bauernsohn Urbani Payr von Nachles geheiratet.
Als Sybilla aus ihrem Dämmerschlaf erwachte, war es schon dunkel geworden und vereinzelt blinkten Sterne durch das dichte Dach, das die Tannen bildeten. Seit Tagen schon ging Sybilla in den Wald um von den Bäumen die trockenen Zweige abzu-schlagen und unter dem Schnee nach Brennholz zu suchen. Sie hatte schon einen großen Stapel am Waldesrand aufgebaut, den sie in ihrer Bugelkraxn heimtragen wollte.
Es ist ja nicht so weit nach Hause, nur eine knappe halbe Stunde. Jetzt fror sie auch nicht mehr so stark. „Nea a kloans Weilei no nofizn und oft geh i hoam“ dachte Sybilla, und schon fiel sie wieder in Schlaf.
Ihr Bruder Petrus erschien noch in Sybillas Traum. Das war ein rechter Hallodri. Er ging gerne zum Tanzen und war hinter jedem Weiberrock her. Als er schon fünfunddreißig Jahre alt war, hatte er ein Auge auf die Eva vom Gangl geworfen, die ein Kind bekam, das auf den Namen Urbanus getauft wurde. Wenigstens hat er sich zu dem Kind bekannt, damit dem armen Wurm in der Taufmatrik nicht ein unbekannter Vater eingetragen werden musste.
Viele junge Frauen, besonders unten in Friedberg, haben in dieser Zeit illegitime Kinder von demissionierten Soldaten bekommen, von denen sie nicht einmal den Namen kannten und die bald wieder verschwunden waren.
Der Petrus ist jetzt schon dreiundfünfzig und verdingt sich im Sommer als Knecht bei den Bauern und im Winter arbeitet er als Holzhauer im Wald, der dem Grafen gehört. Im letzten Winter entging er knapp dem Tode, als ihn ein umstürzender Baum streifte, weil er nicht mehr schnell genug zur Seite springen konnte. Für sein Alter ist er aber noch gut beisammen und wird bestimmt mal steinalt.
Andreas, der Vetter vom Vater, hatte die Ursula eine Tochter vom Pauli und der Maria Pomoißl aus Weijlas geheiratet. Sybilla wusste schon, dass der Pfarrer und die Brüder im Kloster den Namen Weijlas anders schrieben. Wie genau, das wusste sie aber nicht mehr. Obwohl der Vater ihr ein bisschen lesen und schreiben beibrachte, hat sie vieles vergessen, weil sie es nie mehr gebraucht hat. Aber das ist nicht so schlimm, denn sogar der Herr Pfarrer nimmt es mit den Buchstaben nicht so genau und macht beim Schreiben oft Fehler. Vater hat auch gesagt, dass manch einer der Pfarrer oft vergessen hat, etwas in der Matrik einzutragen, besonders wenn viele Hochzeiten, Taufen oder Sterbefälle waren.
Andreas und Ursula hatten ein Söhnchen, Christophorus mit Namen. Das Kindchen ist aber schon nach drei Tagen verstorben. Wahrscheinlich hatte es auch die Frais, so wie alle Kinder zu dieser Zeit. Die Ursula ist dann zwei Jahre nach dem Kind gestorben und der Andreas hat wieder geheiratet; die Barbara vom Urbani und der Apollonia Gstettner. Die hatten aber keine Kinder mehr bekommen. Der Vetter Andreas ist auch schon seit ein paar Jahren tot. Jetzt ist die ganze Familie, die vom Vincentius-Onkel abstammt, ausgestorben.
Fortsetzung folgt im nächsten neueHeimat-Blatt.
