Darüber wurde aber im Familienkreis nie gesprochen und es wird wohl immer ein Geheimnis bleiben, was der gute Laurentius in seiner Jugend alles getrieben hat.
Dass aus der eigenen Familie doch alle anderen Kinder überlebt haben, scheint ein wahres Wunder zu sein. Oft sind mehr als die Hälfte aller neugeborenen Kinder gestorben. Die Eltern machten nicht sehr viel Aufhebens darum und fügten sich mit den Worten „Gott hat’s gegeben, Gott hat’s genommen“. Alle haben damals ziemliche Not gelitten.
Laurentius hat den Kindern oft von seinem Vater, dem Wenceslaus erzählt, der noch alle die Schrecken, die der Dreißigjährige Krieg über das Land brachte und in dem halb Europa zerstört wurde, selbst erlebt hat. Nur den Wallenstein, der die Heimat so gut wie möglich vor den Schweden schützen wollte, hat er sehr verehrt, obwohl auch der sich auf Kosten der armen Bauern bereichert hat. Wenceslaus, der Vater vom Larentius war so um die zehn Jahre alt, als Wallenstein in Eger, einer Stadt gleich an der Grenze zu Bayern, ermordet wurde.
Viel zu lachen gab es damals und auch heute noch über einen schwäbischen Sterndeuter, der dem Wallenstein und sogar dem König Rudolf von Böhmen die Sterne berechnet hat und daraus das Horoskop gesehen hat. Manche seiner Vorhersagen sind auch eingetreten, manche aber auch nicht. So hat er doch tatsächlich vorgeschlagen, man solle Schiffe und Segel bauen, die für die Himmelslüfte geeignet sind. Dann würde es auch Menschen geben, die vor der öden Weite des Weltraumes nicht zurückschreckten. Nun ist dieser Johannes Kepler schon seit bald hundert Jahren tot und wir lachen noch immer über diese verrückte Idee.
Das ist doch Gotteslästerung! Nur Jesus und Maria sind in den Himmel aufgefahren, predigt der Pfarrer.
Gleich nach dem Ende des Krieges ist Laurentius geboren und auch er konnte sich noch gut daran erinnern, wie viele Jahre es gedauert hat, ehe die verwüsteten Felder wieder ordentlich bestellt werden konnten und Früchte trugen.
Schon vor dem großen Krieg haben die Osmanen Feldzüge nach Europa unternommen und Sybilla, sie war damals gerade elf Jahre alt, erinnerte sich noch gut an die Belagerung von Wien, wo der Kaiser Leopold I. lebte. Die Kommissäre haben von den Bauern überall das Getreide, Kartoffeln und Vieh konfisziert, um Proviant für die Truppen zu besorgen oder versprengte Soldaten haben noch das letzte Hab und Gut der Leute geplündert. Das hörte erst auf, als Prinz Eugen im Jahr 1718 die Türken endgültig aus dem österreichischen Kaiserreich vertrieb. Voll Freude sangen damals alle das Lied „Prinz Eugen, der edle Ritter, wollt dem Kaiser wiedrum kriegen Stadt und Festung Belgarad und ließ schlagen eine Brucken, dass man kunnt hinüber rucken, mit der Armee wohl vor die Stadt“.
An den langen Winterabenden hat Laurentius seinen Kindern viele Geschichten von seinen Vorfahren erzählt, die er von seinen Eltern und Großeltern gehört hat. So sollen vor vielen, vielen Jahren die Vorfahren aus Italien sich im Böhmerwald angesiedelt haben. Genaueres darüber wusste er aber nicht. Die alten Pfarrer im Dorf haben noch keine Matriken geschrieben und so ist vieles in Vergessenheit geraten.
Das Land Italien ist viele, viele Tagereisen von daheim entfernt und dazwischen liegt noch ein großes Gebirge, mit Bergen die noch zwei- oder dreimal so hoch sind wie diese rund um das Dorf. Italien könnte nur mit der Postkutsche erreicht werden. Das war aber viel zu teuer und solche Reisen waren nur den hochgestellten Personen vorbehalten oder Händlern und natürlich den Soldaten.
Auch viele Wissenschaftler und Künstler sind zwischen den Ländern gereist, besonders die italienischen Maler und Baumeister waren sehr berühmt und man hat viel von ihnen gesprochen.
Sybilla wäre gerne einmal dorthin gereist und hätte auch gerne das große Meer gesehen, von dem so viel erzählt wurde. Außer den Fischteichen und dem Fluss, unten im Tal, hat sie noch kein großes Wasser gesehen.
Wäre sie erst einmal am Meer gewesen, hätte sie auch mit einem Schiff nach Amerika reisen können. Von diesem weit entfernten Land wurde sehr viel im Dorf gesprochen und einige der jungen Burschen haben tatsächlich überlegt, ob sie nicht dorthin auswandern sollten. Angeblich sollte es ein unheimlich reiches Land sein.
Aber woher sollte sie das Geld nehmen? Der Vater Laurentius verdiente als Zimmerer gerade so viel, dass er die Familie gut versorgen konnte und der Ertrag aus der Landwirtschaft reichte gerade aus, um den Eigenbedarf der Familie zu decken und die Mitgift für die Kinder zu erwirtschaften.
Später, als Sybilla als Magd bei ihrem Bruder am Hof arbeitete, verdiente sie auch nur ein paar Kreuzer und konnte nur wenige Gulden im Jahr sparen.
In Sybillas Traum von Italien kehrten die Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugendzeit zurück und vermischten sich immer stärker ineinander.
Die Stiefmutter behandelte Sybilla genau so liebevoll wie ihre eigenen Kinder. Sie hatte eine wundervolle Zeit, obwohl sie schon von Kindesbeinen an viel und hart arbeiten musste. Wie gut, dass sie noch viele Geschwister bekam, die alle mithelfen mussten.
Sybilla war das älteste Kind und kümmerte sich um die kleinen Geschwister. Das jeweils jüngste Kind, solange es noch nicht laufen konnte, band sie sich einfach mit einem großen Tuch auf den Rücken und so hatte sie immer beide Hände frei, um noch eine andere Arbeit zu machen.
Als Joannes, der Hannes gerufen wurde, sieben Jahre alt war, durfte er das erste Mal als Hüterjunge die Kühe und Ziegen auf die Wiese treiben und darauf achten, dass sie nicht zu viel frischen Klee fraßen. Sobald er größer und kräftiger war, hat Vater ihm eine Sense in die Hand gedrückt und gezeigt, wie man Gras und Getreide mäht. Petrus-Paulus, den alle eigentlich nur Petrus nannten, rückte dann als Hüterbub nach.
Bei den Mädchen war es genau so. Als Sybilla älter wurde, half sie der Mutter bei der Wäsche. Im Sommer wurde draußen im Hof der große Bottich aufgestellt, die Wäsche darin eingeweicht und danach so lange auf den großen, glatten Stein geschleudert, bis sie sauber war. Wenn die Sonne schien, wurde die weiße Leinenwäsche auf der Wiese neben dem Hof zum Bleichen ausgebreitet .
Sybilla half Mutter, die sehr gut kochen konnte, in der Küche und hat von ihr gelernt, wie man Kartoffelsterz mit Milchsuppe, ogschtroute Eadejpfü, rupfane Kneijl mit saurer Milch oder Sauerkraut, Schwammerlsauce mit Knödel und jede Form von Mehlspeisen, Pfannkuchen, Eierspeisen, Kaiserschmarren oder Strudel zubereitet.
Wenn mal ein Schwein geschlachtet wurde, war dies jedes Mal ein Festmahl. Die Innereien wurden sofort gegessen und das Fleisch wurde geräuchert, um es für lange Zeit haltbar zu machen. Dieses gab es dann mit Kraut und Mehlknödeln nur an besonderen Feiertagen.
Die Hühner wurden hauptsächlich zum Eierlegen gebraucht und wenn das Huhn zu alt wurde und keine Eier mehr legte, gab es daraus eine kräftige Hühnersuppe. Das zähe Fleisch wurde klein geschnitten und mit Kartoffeln geröstet.
Wenn die Buben mal an die Moldau zum Angeln hinuntergingen, hat Mutter die Forellen gebraten. Das war dann aber ein herrschaftliches Essen. Bei den Bauern war Fisch nicht so beliebt, denn man wurde nicht so satt davon.
Im Herbst wurden im Wald Pilze, meist Steinpilze, Maronen und Eierschwämme sowie Beeren, hauptsächlich Preiselbeeren Blaubeeren, und Himbeeren gesammelt. Die Pilze wurden klein geschnitten und getrocknet und aus den Beeren hat Mutter ein leckeres Beijnakou gekocht, das zu den Mehlspeisen gegessen wurde.
Auch jetzt noch geht Sybilla jeden Herbst in den Wald, um diese Köstlichkeiten zu sammeln, die der Wald in reicher Fülle und kostenlos liefert, auch wenn ihr das Bücken mit ihren siebenundfünfzig Jahren schon schwerfällt.
Besonders gerne half Sybilla der Mutter beim Brot backen.
Die Erinnerung daran ließ Sybilla aus ihrem Dahindämmern erwachen und Sie meinte, einen frischen Brotgeruch zu spüren. Sie spürte nagenden Hunger und Durst, den sie aber nur mit einer Handvoll Schnee stillen konnte. Sie sah sich zuhause an dem großen Tisch in der Küche sitzen vor dem gemauerten Ofen, auf dem in großen Töpfen und Pfannen das Abendessen zubereitet wurde. „Oi je, wann i grod a wos zum ejssen häd. I houn jo so an Hunger und Durst. Oft gang ma’s grod bejssa und i gang leichter hoam“, dachte Sybilla.
Fortsetzung folgt…
