Mein lieber Heimatbrief!

Ich gratuliere dir recht herzlich zu deinem zehnten Geburtstag! Komm, setz dich gemütlich zu mir. Wir müssen ein bisschen miteinander plaudern, weil wir doch allerhand in diesen zehn Jahren zusammen erlebt haben.

Ja, ja, ich weiß noch recht gut, wie du damals auf die Welt gekommen bist, das war gar keine so einfache Sache. Da fragten sich ein paar Böhmerwaldpfarrer: „Dürfen wir es riskieren? Wir wollen mit unseren Pfarrkindern in Verbindung bleiben. Aber werden wir einen Rundbrief schaffen können? Wer wird das Geld dazu geben? Wird, was wir beginnen, auch weiter gedeihen?“

Die einen unkten: Das geht gewiss schief! Die anderen schwiegen. Nur vier oder fünf sagten: Packen wir’s an! Und sie setzten das Kindlein in die Welt. Das war der „Osterbrief an unsere Pfarrkinder“, April 1949. Dann kam ein Brief „Maria, Schutzfrau des Böhmerwaldes“ und ein „Pfingstbrief“ – und dann haben wir unser Kindlein zur Taufe getragen und ihm einen ehrlichen Namen gegeben, der bei allen braven Böhmerwäldlern Klang und Ansehen hatte: „Glaube und Heimat“. Das altbekannte Sonntagsblatt aus der Waldheimat wollte nun wieder Begleiter der Böhmerwäldler sein in der Fremde, die immer mehr zur neuen Heimat werden sollte.
Und im Oktober dieses ersten Jahres (1949) hattest du dann, mein lieber Rundbrief, auch schon das rechte Gesicht bekommen, das uns nun seit zehn Jahren so vertraut geworden ist. In der Mitte Unsere Liebe Frau von Gojau, links davon die Osserlandschaft mit dem pflügenden Waldbauern und rechts der runde Turm, das Wahrzeichen von Krummau. So konnte jeder Böhmerwäldler dir am Gesicht ablesen: Du bist mein Heimatbote!

Mein Lieber, 1949 bist du noch ein recht schwächliches Büblein gewesen. Dann hast du dich aber schnell herausgemacht. Wie du so Monat für Monat zu unseren Landsleuten gegangen bist, da haben sie dich immer mehr schätzen und lieben gelernt und haben zu Tausenden nach dir gerufen und dich in ihre armseligen Flüchtlingswohnungen eingeladen. Und immer öfter hast du den Vorwurf gehört: „Warum kommst du denn so lange nicht? Wir haben schon so hart auf dich gewartet.“ Ja, mein Lieber, da hast du es im Oktober 1953 gewagt und bist nun alle Monate zwei Mal zu deinem Botengang aufgebrochen. Und du hast deine Sache gut gemacht! Alle, die damals meinten, du würdest das nicht schaffen, du wüsstest bald nichts mehr zu erzählen oder du kämst zu oft und man würde deiner überdrüssig – alle die haben sich getäuscht. Seit du zwei Mal im Monat zu unseren Landsleuten gekommen bist, haben dich alle umso mehr lieb gewonnen.

Was Wunder, dass du ein bisschen stolz geworden bist. Zum Weihnachtsfest 1954 hast du gesagt: „Ich möchte gern ein Festtagskleid“ – und hast es auch bekommen. Dann ging es, wie es bei Kindern und Vätern zu gehen pflegt. Du hast dein Festtagskleid nicht mehr ablegen wollen und alle hatten dich so lieb, dass dir keiner widersprechen wollte. Seit Mai 1955 bist du dann nicht mehr ohne dein grünes Mäntelchen ausgegangen, das an die Wälder und Wiesen der Heimat erinnert und ohne das sich heute die Böhmerwäldler ihren Heimatboten kaum mehr vorstellen können.

Mein lieber Heimatbrief, so bist du in diesen zehn Jahren ein recht stattlicher Bursch geworden und hast dir viele Zehntausende weit und breit zu Freunden gewonnen.

Du hast eben auch gewusst, wie man sich Freunde macht. Haben zwei junge Leute geheiratet oder kam ein Kindlein zur Welt, hatte sich einer ein Häuschen gebaut oder war jemand ins Grab gebettet worden oder war sonst etwas Wichtiges geschehen, dann hast du es den Freunden und Bekannten weitererzählt und hast dafür gesorgt, dass sich Nachbarn und Verwandte nicht in der großen Welt verloren, sondern in Treue verbunden blieben. Du hast erzählt, wie es jetzt im Böhmerwald daheim aussieht und was dort vor sich geht. Da sind manchem die Augen feucht und das Herz weit geworden und jeder hat gesagt: Weil du nur wieder da bist, mein lieber Heimatbote!

Alle haben gespürt: Du hast das Herz auf dem rechten Fleck – du kommst nicht, um Geschäfte zu machen und zu verdienen, du kommst ganz selbstlos, um die Landsleute zu erfreuen und Herz und Sinn zu erquicken.

Ja, ja, mein Freund, du hattest von Anfang an das Herz auf dem rechten Fleck – so wie es die Böhmerwäldler lieben. Du bist auf deinen Botengängen nie ausgezogen ohne Trost und Kraft und Mut aus den Reichtümern unseres heiligen katholischen Glaubens zu spenden. Gerade das brachten wir und brauchen wir so notwendig in diesen schweren Jahren. Dabei hat du, mein lieber Heimatbrief auch oft ernste Worte sprechen müssen. Denn die dich aussandten, die Seelsorger, hatten vor Gott die heilige Pflicht nicht untätig zuzusehen, wie ihre Pfarrkinder von mancherlei Gefahren bedroht und im Glauben gefährdet wurden. Aber unsere Landsleute haben deine Sprache gut verstanden und deine Mahnungen gerne aufgenommen.

Und wenn du in die Böhmerwälder Herzen Gottes Samen gelegt hattest, dann hast du von daheim zu erzählen begonnen und bist darum bis zur Stunde nicht müde geworden. Dann hast du dazu deine Bilder aus der Heimat gezeigt. Deine zehn Jahrgänge sind ein wunderschönes Bilderbuch vom Böhmerwald und das reichhaltigste Lesebuch über Landschaft und Geschichte, Brauchtum und Volk unserer Heimat, das ich mir denken kann. Auf deiner Wanderschaft zu unseren Landsleuten hast du auch bald gemerkt, wo der Schuh drückt. Flüchtlingsdasein ist nicht leicht. Sie haben dir ihre Not geklagt und dir anvertraut, dass sie sich in der Überschwemmung von Verordnungen und Gesetzen nicht zurecht finden können. So bist du ihnen ein treuer Berater geworden und unsere Landsleute haben es dir ganz besonders gedankt, dass du seit Ende 1951 jedes Mal in „Soziale Ecke“ die schwierigsten Gesetze so praktisch zu erklären wusstest. So hast du vielen aus mancher Not geholfen.

Seit deinem dritten Lebensjahr (1951) hast du dich auch jedes Mal eigens an unsere Burschen und Mädchen gewandt und hast dich bemüht, sie „Am Goldenen Steig“ zu führen. Sie sollten den rechten Steig ins Leben finden: Aus Böhmerwaldfamilien stammend, die alte Heimat liebend und mutig in eine neue Zukunft wandernd. Und weil wir doch in der Zukunft so notwendig Priester aus unseren Reihen brauchen, darum bist du, mein lieber Rundbrief, so treu um den Priesternachwuchs besorgt gewesen und hast von deinen Botengängen reichlich Hilfe für unsere werdenden Priester heimgebracht.

Und wie es nun einmal geht im Leben: Wenn ein lieber Freund ins Haus kommt, soll er erzählen. Da bist du nie verlegen gewesen, hast viele Geschichtlein erzählt „vo dahoam“ zum Lachen und auch zum Weinen. Und weil sie dich immer wieder bedrängten: Erzähl uns doch eine recht schöne, lange Geschichte, hast du in deinem achten Lebensjahr (1956) angefangen, vom Zigeunerwald zu erzählen und dann vom Osserwald und seitdem sind die Landsleute schon immer darauf gespannt, wann du wieder kommst und wie es mit deiner Geschichte wohl weiter geht.

So sind durch deine treuen Botengänge, mein lieber Heimatbrief, viele tausend Böhmerwäldler zu einer großen Familie zusammengewachsen. Du hast ihnen das Gefühl gegeben: Wir sind doch nicht verstreut und verlassen, wir gehören immer noch zusammen. Du bist uns wirklich unentbehrlich geworden: Eine treue Stütze im Glauben, ein lieber Erzähler von der Heimat, ein tüchtiger Helfer in sozialen Fragen, ein guter Unterhalter in besinnlichen Stunden, ein Freund der Kinder und der Jugend und vor allem ein starkes, güldenes Band der Liebe und Freundschaft und Treue für uns alle. Ganz gewiss darf ich auch sagen: Du hast auch gar manchem Böhmerwäldler den Heimgang in die ewige Heimat erleichtert. Und dafür sei dir, mein lieber Bote der Heimat, besonders innig Dank gesagt.

So mach dich auf deine weitere Wanderschaft! Wir alle wünschen dir von ganzem Herzen: Bring weiterhin viel, viel Gottes Segen und viel Freud und Trost und Kraft in unsere Böhmerwaldfamilien!

Glückauf, mein lieber Rundbrief, Glückauf!

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