Zukunft braucht Erinnerung
Die Geschichte mit den Augen der Zukunft betrachten

Tag des Erinnerns
An den Anfang meiner Predigt möchte ich ein Gedicht von Rosa Tahedl stellen, das sie überschreibt „Erinnerung“:

Schau ich zurück, dann seh ich Berge, einst viel höher,
und Täler, tiefer eingebettet in das Land.
Da neigt der Himmel blauer sich den Wäldern,
da strahlt die Sonne lichterfunkelnd weich wie Samt.

Schau ich zurück – was alles schöner, besser!
Ich wag es kaum, dem Jetzt es zu vergleichen.
In mildem Licht bin selber ich noch größer,
des Lebens Narben spür ich von mir weichen.

Schau ich zurück, dann wird das Leid viel milder,
das Heimweh drückt nicht mehr so hart.
In der Erinnerung sind selbst Schreckensbilder
nicht mehr so grausam, wie es damals war.

Schau ich zurück, dann dank ich dir, oh Herr,
das Leid und Kummer ich wie Job erlebte.
Dass ich des nächsten Gut in Raffgier nicht erstrebte,
und lieber litt als grausam ohne Mitleid war.

Die Not allein hat meinen Sinn geläutert.
So hast du mich den Weg des Heils geführt.
Nur wer ein Kreuz getragen, weiß, was es bedeutet,
wenn das Verzeihen doch der Seele Krönung wird.

Wir begehen heute miteinander einen Tag des Gedenkens und des Erinnerns. Sich erinnern ist jene Fähigkeit des Menschen, die ihm bewusst macht, dass er ein geschichtliches Wesen ist. Was unser Leben als ein Ganzes zusammenhält, ist die Kraft und die Fähigkeit des Erinnern. Die Erinnerung ist das Paradies, aus dem uns niemand vertreiben kann. Was wir sind, das sind wir geworden, und was wir sein werden, werden wir nicht ohne das sein, was gewesen ist und was wir geworden sind. Das Vergangene tragen wir in uns als kostbares Erbe oder als drückende Last, als Schatten erlittenen Schmerzes oder als Schimmer des Glücks. Beides tragen wir im währenden Augenblick über die Schwelle der Zukunft, in jenen offenen Raum der Zeit, der uns zur Gestaltung aufgegeben ist.

Einen Schlussstrich ziehen?
Nicht wenige äußere Beobachter geben den Rat: Macht doch endlich einen Schlussstrich unter das vergangene Geschehen, reißt nicht wieder Wunden auf, wo endlich verheilte Narben sind, pflügt nicht erneut den Boden dort auf, wo endlich Gras darüber gewachsen ist! Richtet den Blick entschieden in die Zukunft; es ist Zeit, von der Vergangenheit endlich Abschied zu nehmen! Solche Ratschläge mögen gut gemeint sein, sie gehen aber an der Wirklichkeit geschichtlicher Erfahrung ganz gewiss vorbei. Denn gerade die Zukunft braucht Erinnerung.

Was die Geschichte lehrt
Wir alle sind Zeugen dafür, dass man die Lehren aus der Geschichte nicht gezogen hat, als vor wenigen Jahren während der kriegerischen Auseinandersetzungen auf dem Balkan erneut die Furie der Vertreibung gewütet hat, und dieses grausame Geschehen mit einem der übelsten Unwörter des ausgehenden 20. Jahrhunderts verharmlost wurde, nämlich mit dem Begriff der „Ethnischen Säuberung“. Es ist ein Wort aus dem Vokabular des Unmenschen, ganz gleich ob er braun oder rot oder wie auch immer gefärbt ist – nein, Zukunft braucht Erinnerung, sie braucht Erinnerung an die Stationen des Fortschritts und Erfolges, sie braucht aber auch die Erinnerung an die Brüche und Katastrophen, sie braucht das unbestechliche Gedächtnis der erlittenen Schmerzen und Leiden, sie braucht die ganze Wahrheit, denn ohne Wahrheit keine Gerechtigkeit, ohne Gerechtigkeit kein Friede, ohne Friede keine Zukunft! Ja, die Zukunft braucht Erinnerung.

An den positiven Erfahrungen anknüpfen
Allerdings muss man im gleichen Atemzug sagen: Erinnerung wird keine zukunftsfähige Dynamik entwickeln, wenn sie bloße Vergangenheitsbetrachtung bleibt, wenn sie den Schmerz über Gewesenes und Erlittenes nicht umwandelt in eine Kraft, die an den positiven Erfahrungen anknüpft, wie etwa das jahrhundertelange gute Miteinander von Tschechen und Deutschen in Böhmen; wenn sie nicht zu einer Kraft wird, die sich bewusst in den Dienst eines Neuanfangs in guter Nachbarschaft stellt, das heißt, sich mit Entschiedenheit und auf vielen Ebenen und in geduldigen Schritten auf den Weg einer Versöhnung in der Verschiedenheit macht. Es wird sicher noch einer konsequenten Versöhnungsarbeit bedürfen, die nicht nur auf der geschichtlichen Wahrheit aufbauen muss, sondern die angewiesen ist auf die Überwindung sprachlicher, politischer und eingeschliffener ideologischer Barrieren; eine Versöhnungsarbeit, die Behutsamkeit im Reden und geduldige Umsicht im Handeln braucht.
Die Geschichte mit den Augen der Zukunft betrachten
Es ist richtig zu sagen: Zukunft braucht Erinnerung; aber damit die Zukunft gelingt, ist es notwendig, die Geschichte mit den Augen der Zukunft zu betrachten: Wir müssen jene Ansatzpunkte finden, von denen aus ein neuer Zukunftsentwurf möglich ist. Wir dürfen dabei den Mut haben, aus unseren christlichen Wurzeln neues Leben für ein Miteinander in einem größeren Europa wachsen zu lassen. Leben kann ja nur wachsen, wo Wurzeln sind; und neue Erkenntnis kann nur gewinnen, wer sein Gedächtnis nicht verloren hat. Die Ideologien des 20. Jahrhunderts, so mächtig sie sich auch gebärdet haben, haben abgewirtschaftet, sie haben sich aufgelöst wie die Nebel in der Mittagssonne; nun ist es Zeit, einem in den Leiden des vergangenen Jahrhunderts geläuterten Christentum Raum zu geben; einem christlichen Glauben, der die Demut, aber auch das Selbstbewusstsein hat, nicht herrschen zu wollen und Privilegien zu genießen, sondern unerschrocken für die Menschenwürde, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung einzutreten. Was das tschechische und deutsche Volk am meisten zusammenführen wird, das sind die Aufgaben, die sie aus christlichen Geist gemeinsam für eine Humanisierung des politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Lebens in einem zusammenwachsenden Europa aufgreifen werden.

Die Patrone Europas als Wegbegleiter
Auf diesem zukünftigen Weg mögen uns die Heiligen Frauen und Männer hilfreich begleiten, die nach dem Willen des verstorbenen Papstes Johannes Pauls II. Europa als Schutzpatrone begleiten: Der Heilige Benedikt von Nursia, der mit seinen „Ora et labora“ = „Bete und Arbeite“ einen sinnvollen Lebensentwurf vorgezeichnet hat, der Aktivität und die Tiefe des Herzens miteinander verbindet. Die Heiligen Cyrill und Method, de uns daran erinnern: „Europa ist größer. Es atmet mit zwei Lungenflügeln: West und Ost“ (Johannes Paul II.). In ihnen ist das griechische und slawische Erbe Europas aufgehoben. – Die Heilige Brigitta von Schweden, eine Lichtgestalt in kritischen Zeiten, eine Pilgerin durch Europa, eine Frau mit prophetischer Stimme, die den Norden Europas vertritt. Die Heilige Katharina von Siena, eine leidenschaftliche Christin, die als Friedensstifterin und Erneuerin der Kirche auch den Papst in Offenheit zurechtweist. Schließlich die Heilige Edith Stein, selbst Opfer der größten moralischen Katastrophe Europas, die aufgerichtet sein soll, als ein Zeichen für gegenseitige Achtung und Toleranz und als nachdrückliche Einladdung, „sich über alle völkischen, kulturellen und religiösen Unterschiede hinaus zu verstehen und anzunehmen, um eine wahrhaft geschwisterliche Gemeinschaft zu bilden“ (Johannes Paul II.).

Amen.

Predigt beim 16. Bartholomäus-Patrozinium am 27. August 2006
in Lagau – von Domdekan Prälat Prof. Dr. Otto Mochti

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