Otto Mochti

Domdekan em. Prälat
Prof. Dr. Otto Mochti

Geistliches Wort - 03|2018

Misereor – Barmherzigkeit - „Unser“ gemeinsames Brot teilen

Wenn wir in unseren Tagen vom Fasten und von Fastenzeit reden, und beobachten, wie diese Themen im öffentlichen Gespräch, also in den modernen Medien auftauchen, dann gewinnen wir da einen sehr zwiespältigen Eindruck: In unseren wohlhabenden Ländern werden damit oft gesundheitliche Aspekte verbunden, also Gründe, die uns veranlassen sollen, im Interesse des eigenen körperlichen Wohlbefindens das Verhalten zu unterbrechen, dass wir wahllos in uns hineinschlingen, was sich uns an Genussmitteln anbietet und uns zuwinkt.
Oder der Impuls, dass wir im Hinblick auf die gewünschte Bikinifigur für die kommende Badesaison daran arbeiten, dass bei den Frauen die Fettpölsterchen an den Hüften abgeschmolzen oder bei den Männern der „Stau am mittleren Ring“ beseitigt wird. – All diese mühsamen Aktivitäten des „Frühjahrsfastens“ in unseren Breiten werden uns durchaus schmackhaft gemacht mit verlockenden Rezepten, wohlschmeckender leichter Kost, möglichst mit Bärlauch und Ingwergewürz veredelt. – Ich glaube, es ist nicht übertrieben, wenn ich die öffentliche Wahrnehmung von Fasten und Fastenzeit so schildere.

Wenn wir aber einmal den Vorhang des schönen Scheins beiseiteschieben, dann zeigt sich uns realistischerweise eine ganz andere Wirklichkeit, eine ungeschminkte, grausame und erschreckende Wirklichkeit: Man hört immer wieder die Zahl: 1 Milliarde Menschen leiden täglich Hunger; für sie muss unsere propagierte Form von Fasten wie blanker Hohn klingen. Für eine Milliarde Menschen ist gezwungenermaßen das ganze Jahr „Fastenzeit“, Zeit der Entbehrung, Zeit des Mangels, Zeit des elementaren Hungers.

Freilich nehmen wir diese dunkle Wirklichkeit wahr, weil sie uns ja auch durch die Medien in unsere Wohnzimmer gebracht wird. Aber wir kennen auch die Versuchung, dass wir dadurch abstumpfen und gewissermaßen in die Globalisierung der Gleichgültigkeit hineintaumeln. – Papst Franziskus, diese Lichtgestalt unserer Kirche, wird nicht müde, auf diesen Teufelskreis hinzuweisen und uns alle aufzurufen, diesen Zirkel zu durchbrechen.

In einem Aufruf zur österlichen Bußzeit sagt er: „Auch wir als Einzelne sind der Versuchung der Gleichgültigkeit ausgesetzt. Wir sind von den erschütternden Berichten und Bildern, die uns das menschliche Leid erzählen, gesättigt und verspüren zugleich unser ganzes Unvermögen, einzugreifen. Was können wir tun, um uns nicht in diese Spirale des Schreckens und der Machtlosigkeit hineinziehen zu lassen?“ Und er sagt ganz konkret: „Wir können mit Gesten der Nächstenliebe helfen und Dank der zahlreichen Hilfswerke der Kirche sowohl im Nahen als auch im Fernen erreichen. Die österliche Bußzeit ist die geeignete Zeit, um dieses Interesse dem andren gegenüber mit einem vielleicht auch nur kleinen, aber konkreten Zeichen unserer Teilnahme am gemeinsamen Menschsein zu zeigen.“

Angesichts des himmelschreienden Elends vieler Menschen auf unserer gemeinsamen Erde haben die katholische Bischöfe mit den Katholiken in Deutschland das Hilfswerk „Misereor“ ins Leben gerufen, das nun schon viele Jahre durchgeführt wird. Das Wort „Misereor“ ist aus dem Evangelium genommen, es ist das Wort, das Jesus gesprochen hat angesichts von tausenden Menschen, die nichts zu essen hatten. „Ich habe Erbarmen mit dem Volk“ – Misereor super turbam. – Da wir alle Glieder an seinem Leibe sind, sollten wir uns dieses Wort der Barmherzigkeit ganz zu Eigen machen und in unser Herz aufnehmen und zum Motor werden lassen für ein sinnvolles Fasten in einer gottvergessenen Welt, die – wie es scheint – immer nur noch mehr haben will und damit an wahrem Menschsein verliert.  Wir alle sind Glieder am Leibe Christi: „Wenn ein Glied leidet, leiden alle mit“, wir alle sind gerufen, an die Stelle der Globalisierung des Profits und des Elends die Globalisierung der Solidarität und der Barmherzigkeit zu setzen.

Wenn wir spürbar auf etwas verzichten, was wir haben und zwar konkret und solidarisch, barmherzig und großzügig, dann folgen wir der Fruchtbarkeit des Weizenkorns, das weggegeben wird, eingesenkt in unsere gemeinsame Erde und so Frucht bringt für alle.

Das Gebet des „Vater unser“, das wir doch wohl jeden Tag sprechen, erinnert uns – wenn wir dafür wach sind – es erinnert uns, dass das Brot in der Erde „unser“ Brot ist, nicht nur mein Brot. Gott hat sich das nicht so gedacht, wie wir das manchmal bei Fischen oder unseren Schwänen beobachten: Menschen stehen am Ufer und werfen Brotstückchen ins Wasser. Die Tiere kommen heran, und eines schnappt es den anderen weg. Es ist eigentlich ein trauriges Spiel, oft auch „das Spiel der Menschen“. Das Essen des Brotes sollte gerade für Menschen nicht nur Nahrungsaufnahme sein, sondern es sollte Gemeinschaft stiften: So wird es zu „unserem“ Brot. „Eine gesegnete Mahlzeit“ kann es für uns Menschen, zumal für uns Christen nur geben, wenn es geteiltes Brot ist, unser Brot und somit Gottes Brot.

Damit werden wir die Erde nicht zum Paradies machen, in dem uns die Früchte in den Mund fallen, aber wir werden sie menschlicher machen, weil wir mit einer Geste der Barmherzigkeit Leben ermöglichen und Hoffnung aufleuchten lassen. Auf jeden einzelnen Menschen kommt es an:

„Immer sind es die Menschen,
du weißt es;
ihr Herz ist ein kleiner Stern,
der die Erde beleuchte“.
(R. Ausländer)


Domdekan em. Prälat Prof. Dr. Otto Mocht

 

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