Domkapitular i.R. Alois Ehrl, Stellv. Vorsitzender von „Glaube und Heimat“

Domkapitular i.R. Alois Ehrl,
Stellv. Vorsitzender von
„Glaube und Heimat“

Geistliches Wort - 01|2019

Was bleibt.

Auch wer nicht Latein gelernt hat, kennt vielleicht den lateinischen Spruch: „Tempus fugit – amor manet.“ „Die Zeit vergeht - die Liebe bleibt.“ Wieder ist ein Jahr vergangen. Die Zeit lässt sich nicht anhalten. Wir werden älter und müssen damit zurechtkommen. Die Erfahrung, dass unsere Lebenszeit kürzer wird mit jedem neuen Jahr, macht uns unsicher. Weil wir uns immer wieder auf neue Situationen einzustellen haben, wächst der Wunsch in uns, dass es etwas gibt, das bleibt und durch die Vergänglichkeit hindurch trägt und hält.
Der lateinische Spruch, in dem sich viel Lebensweisheit kundtut, belässt es darum nicht beim „tempus fugit“ - die Zeit vergeht. Er fügt hinzu: „amor manet“ – die Liebe bleibt. Der menschliche Wunsch, dass nicht alles vergeht, was uns lieb und teuer ist, muss nicht unerfüllt bleiben. Sehen wir den Satz „die Liebe bleibt“ vor allem vom Glauben her, dann kann uns das Wissen um die Vergänglichkeit nicht die Zuversicht nehmen. Nach den Aussagen der Bibel (vgl. Hohes Lied 8,6b und 1 Korinther 13) erweist sich die Liebe stärker als der Tod, der das deutlichste Zeichen menschlicher Vergänglichkeit ist. Die Liebe, die hier zur Sprache kommt, lenkt den Blick auf den, der die Liebe ist, auf Gott. „Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm“ (1 Joh 4,6b), verkündet uns der Verfasser des ersten Johannesbriefes. Liebe, die in Gott verankert ist, ist ein Licht, das auch in dunkler Zeit nicht erlischt. Wenn wir in unserer Liebe Maß an Gottes Liebe zu uns Menschen nehmen, geben wir den Glauben an das Gute nicht auf und hoffen gegen alle Hoffnungslosigkeit. Wer liebt im Sinne Gottes, dem gelingt etwas, das bleibt, dass ihm nicht genommen werden kann. So spornt uns Gottes Fürsorge um uns Menschen an, auch fürsorglich zu werden für die, die unsere Hilfe brauchen. Gottes Barmherzigkeit macht auch uns barmherzig gegenüber denen, die uns mit ihrem Fehlverhalten auf die Nerven gehen. Gottes Gerechtigkeit treibt uns an, großherzig zu handeln nicht nach dem alten Denkmuster „Wie du mir, so ich dir“, sondern es zu verändern in „Wie Gott mir, so ich dir“. Wie Gott ewig ist, bleibt auch das für immer, das aus ihm kommt und in seinem Geist geschieht.
„Tempus fugit – amor manet“. Wenn wir im Wandel der Zeit auf die Macht und die Beständigkeit der Liebe setzen, tun wir uns und anderen Gutes oder anders gesagt: Wir werden ein Segen sein. Wenn wir mit Gott und der Macht seiner Liebe rechnen und uns von ihr anstecken lassen, verrechnen wir uns nicht. Wir wirken vielmehr mit, dass 2019 zu dem wird, was wir uns selbst und anderen wünschen: ein gesegnetes neues Jahr.

Alois Ehrl, DK em.

 

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