Geistliches Wort – September/Oktober 2007

Engel des Lichts

Liebe Mitchristen der Böhmerwaldgemeinden und der Pfarrgemeinden, in denen Sie jetzt wohnen!

In den Monaten September und Oktober feiert unsere Kirche in besonderer Weise das Gedächtnis der Hl. Erzengel und der Schutzengel. So möchte ich Ihnen einen Gedanken über die unsichtbaren Wesen, die bei Gott sind, mitgeben.
Zunächst zwei Gedanken, die mich persönlich berühren: Noch sehr gut kann ich mich an meine Großeltern, die Mutter und andere Verwandte im Böhmerwald und später in Bayern erinnern, die immer wieder zu den Hl. Engeln beteten und uns Kindern Bilder des Schutzengels zeigten, der ein Kind über ein reißendes Wasser führt. – Das zweite Erlebnis: Vor Wochen stieg ich nach einem unverschuldeten schweren Verkehrsunfall nahezu unversehrt aus einem völlig zerstörten Auto: Jeder, der dies erfuhr oder das Schrottauto sah, sagte: Du hattest einen guten Schutzengel. Und ich bin selbst davon überzeugt.
In der Geheimen Offenbarung des Johannes (Off 12,7-12 a) lesen wir eine fast düstere Szene und Beschreibung über das Geschehen, das im Himmel stattfand: Der Machtkampf des Guten mit dem Bösen. Der Evangelist beschreibt den Kampf des Drachen, des Satan mit dem Engel Gottes.
Ist das nur eine Geschichte für unbelehrbare Fromme – Märchen – Hirngespinst?
Nein, es gibt die Welt des uns Menschen Unsichtbaren – die Dimension des Jenseits, die ganz massiv und realistisch in unser Dies-seits, in unser „noch-jetzt“ im irdischen Leben hineinreicht und hineinwirkt.
Wir beten im Großen Glaubensbekenntnis: „Wir glauben an den einen Gott, den Vater, den Allmächtigen, der alles geschaffen hat, Himmel und Erde, die sichtbare und die unsichtbare Welt.“
Die Geister, die Gott schuf, gehören zur unsichtbaren Welt – die Engel des Lichts und der Finsternis: Unheimliches, Unsichtbares geschah und geschieht – dies ist eindeutige, nicht in Frage zu stellende Aussage der Hl. Schrift, des Wortes Gottes an uns Menschen.
Der Prophet und Schreiber des Evangeliums sagt: Der Kampf zwischen Gut und Bös, der sich auf der Erde abspielt, hat eine Entsprechung im Himmel: die Bewegung läuft nicht nur horizontal – auf der Ebene des Jenseits, sondern auch und zuerst vertikal: von oben nach unten ab. Denn in der Welt des Unsichtbaren kann der Drache mit seinen „Engeln“ – wie sie Johannes beschreibt, nicht standhalten – für sie, die sich gegen Gottes Willen und Liebe auflehnen, gibt es keinen Ort in der Nähe Gottes.
Im Kapitel 12 der Geheimen Offenbarung wird der „Drache“ mit dem absolut Bösen gleichgesetzt. Bild und Sache entsprechen sich.
Es wird in dieser Botschaft gesagt, dass es in unserer Welt nicht nur das Böse als eine unpersönliche Macht gibt, auch das Böse ist eine nicht zu verleugnende Wirklichkeit.
Was ich Ihnen bisher aufführte klingt wie die oft angeführte „Drohbotschaft“ ...
Ist sie aber nicht! Die Kirche, dh. wir feiern in diesen Wochen das Fest des Hl. Erzengels Michael und der beiden anderen Erzengel Raffael und Gabriel. Michael „wer ist wie Gott“ lautet sein großer Name, Gabriel „Kraft Gottes“ und Raffael „Gott heilt“.
Die unsichtbare Welt, die Engel Gottes, getragen und bewegt und gesandt von der Liebe des Dreifaltigen Gottes, sind da, begleiten, stehen bei und schenken uns Menschen Liebe und Nähe.
Der Mensch, der sich nach dem Guten sehnt, der glauben will, der Gutes tun will, erfährt die Macht der Engel, der unsichtbaren Geister, die um uns sind.
Das Kind, das zum Schutzengel betet, darf erfahren, dass es ihn gibt. Auch der Erwachsene darf in kindlichem Vertrauen sprechen: Lieber Vater, lass deine Hl. Engel, die Zeichen deiner Liebe, an unserer Seite sein, in unserer Familie, bei unseren Kindern und Jugendlichen.
Frohbotschaft ist es, dass die guten Engel Gottes – Michael, Gabriel und Raffael – und unsere Schutzengel Gottes Kraft für unseren Glauben und das Leben sind.

Ihnen und Euch allen Gottes Segen und die Nähe der Engel Gottes!

Mit freundlichen Grüßen Ihr
Pater Johann Müller SAC, MilDek. a. D.,
Zeppelinstraße 297, 88048 Friedrichshafen

Geistliches Wort – August 2007

Eine Reise durch Gedenktage und Heiligen Feste im August.

Liebe Freunde von Glaube und Heimat, liebe Landsleute!
Wir befinden uns wieder in der Ferien- und Reisezeit. Tausende oder gar Millionen sind unterwegs zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Viele haben schon im Winter Prospekte, Kataloge und Anzeigen studiert, um die Reisewelt zu erforschen und die richtige Traumreise zu finden. Soll es ein traumhafter Badeurlaub am zauberhaften Strand, eine Städtereise nach Venedig, Rom, Prag, London sein, oder genießen Sie ihre Freizeit im romantischen Schwarzwald, Bayerwald, Böhmerwald, Riesengebirge? Die Auswahl ist groß. Auch eine Kreuzfahrt auf einem eleganten Traumschiff mit vollem Programm lässt uns schöne Küsten, versteckte Buchten und pulsierende Hafenstädte entdecken.
Für viele sehr reisefreudige bedeutet Reisen ist Leben  oder mit einem Goethezitat gesagt: “Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen.” - Das Thema Reisen ist schier unerschöpflich. - Ich möchte Sie noch einladen zu einer Reise durch den Monat August und dabei die Feste der Heiligen zu betrachten.
31 Tage gehören zum 8. Monat des Jahres. Seinen Namen hat er vom römischen Kaiser Augustus (der Ehrwürdige, Erhabene) 63 v. bis 14 n. Chr. Während seiner Regierungszeit gab es keine kriegerischen Auseinandersetzungen im röm. Weltreich. Sieges- und selbstbewusst benannte er den bisherigen Sictilius nach sich selber. Wie Pilatus ins Credo, so kam Augustus ins Weihnachtsevangelium, und in den Kalender. - Ein paar Gedenktage und Feste im August wollen wir nun gleichsam ansteuern.
Den Anfang macht der Hl. Alfons Maria von Liguori, ein Ordensgründer, Bischof und Kirchenlehrer. Vor 275 Jahren gründete er die Kongregation des allerheiligsten Erlösers (Redemptoristen /CSsR). Er lehrte die barmherzige Erlöserliebe Gottes, die den Menschen neuen Mut zum Streben nach Vollkommenheit geben sollte. Am 1.8.1787 ist der hl. Alfons zu Pagani, er ist bei Neapel verstorben. In seinen fast 91 Jahre verfasste er über hundert religiöse Schriften. Seine Moraltheologie und seine Unterweisungen für Beichtväter haben bis heute einen großen Einfluss ausgeübt. Die Klöster der Redemptoristen/innen sind geistliche Zentren weltweit und in Bayern und Böhmen z.B . in Gars a.Inn, Cham/Opf., auf dem Hl. Berg in Pribram. Auch der hl. Johannes Nepomuk Neumann aus Prachatitz wurde 1840 Redemptorist, um der Einsamkeit zu entfliehen und in einer Gemeinschaft von Mitbrüdern unterstützt zu werden. Der hl. Clemens Maria Hofbauer aus Taßwitz/Südmähren (1751-1820) wurde in Rom Redemptorist und wirkte in Warschau und in Wien. Als Mann mit dem “Apostelkopf” gilt er als “Apostel Wiens.” “Die Zeit ist soviel wert wie Gott selbst, weil man in einem Augenblick verloren gehen und in einem anderen Augenblick Gott selbst gewinnen kann “ (C . M . H . ).
Am 2.8. kommen wir zu Maria von Portiunkula in Assisi. Dort hörte der hl. Franziskus eine Stimme, die zu ihm sprach: “Franziskus gehe hin und stelle mein Haus wieder her, das ganz zerfällt, wie du siehst.” Diese Worte nahm Franziskus wörtlich, und begann das verfallende Marienkirchlein zu renovieren. Der Papst gewährte darauf den Besuchern dieses Kirchleins einen Ablass, der auch heute noch in den Pfarrkirchen am 2.8. oder dem darauffolgenden Sonntag unter bestimmten Bedingungen gewonnen werden kann. Weitere Gedenktage sind der 4.8. hl. Johannes Maria Vianney, Pfarrer von Ars, (1786-1859): Er erweckte die verwahrloste Pfarrei zu neuem Leben. Er gilt als frommer und eifriger Seelsorger. “Zieh einen Fisch aus dem Wasser: er wird nicht leben können. Das ist der Mensch ohne Gott.” (J.M.V.).—Nun kommen wir zur Weihe der BASILIKA SANTA MARIA MAGGIORE, “MARIA SCHNEE”. Sie steht auf dem Esquilin in Rom. Ein wunderbarer Schneefall im August zeigte an, wo die Kirche gebaut werden sollte. Im Laufe der Jahrhunderte wurde die Kirche immer mehr umgestaltet und ausgeschmückt . Sie beherbergt einige Kostbarkeiten, unter dem Papstaltar einen Schrein mit fünf Brettern der Krippe in Bethlehem, eine alte Ikone , das Gnadenbild “Maria Salus populi Romani.”. Eine Kopie davon sandte Pabst Pius V. den Jesuiten von Ingolstadt. In Bayern gibt es noch weitere 12 Maria-Schnee-Bilder.
Auch in Bergreichenstein im Böhmerwald wird das Patrozinium Maria Schnee gefeiert mit deutsch - tschechischen Gottesdiensten, Konzerten, einer Prozession von der Wallfahrtskirche zur Stadtpfarrkirche, einem Pontifikalamt, Andacht mit Segen, einem Jahrmarkt und was sonst noch zu einer typischen Wallfahrt in Böhmen gehört.

Am 6.8. ist das Fest Verklärung des Herrn. Die Erinnerung an dieses Ereignis lebt in den Schriften des Neuen Testamentes weiter. Vor 550 Jahren hat es Pabst Kallistus III. allgemein vorgeschrieben.
Der 6.8.1945 ist ein Gedenktag der Neuzeit, damals fiel die erste Atombombe auf Hiroshima.
Am 9.8. gedenken wir der Hl. Edith Stein (“TERESA BENEDICTA A CRUCE) . Ordensfrau, Märtyrin, Schutzpatronin Europas. Sie ist 1942 im Konzentrationslager verstorben.
Am 14.8.1941 opferte Maximilian Kolbe im KZ in Auschwitz sein Leben, stellvertretend für einen jungen polnischen Familienvater.
Am 10.8. ist das Fest des HL. Laurentius, D i a k o n und Märtyrer in Rom. Er sollte dem röm. Kaiser Valerin die Schätze der Kirche ausliefern. Dazu brachte er einen Trupp Bettler zum Kaiser und erklärte: “Das sind die schätze der Kirche!”.
Um den 10.8. kommt es zu einem gehäuften Sternschnuppenfall, da unsere Erde die herumfliegenden Trümmer eines ehemals explodierten Himmelskörpers kreuzte. Diese verglühen in der Erdatmosphäre.
Das wohl bekannteste Marienfest in Bayern und auch in unserer alten Heimat ist der “Große Frauentag“ am 15.August. Er wird in allem Marien Wallfahrtsorten gebührend gefeiert. Das Hochfest MARIENS AUFNAHME IN DEN HIMMEL - Maria Himmelfahrt ist das älteste Marienfest.
Am 1.11.1950 hat Papst Pius XII. die seit altershehr vorhandene Lehre und Glaubensüberzeugung feierlich bestätigt, dass Maria mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen wurde.
Bei der Kräutersegnung am 15.8. heißt es: “Segne diese Kräuter und Früchte die wir gesammelt haben. Heile, was krank ist. Richte auf, was darniederliegt. Schenke uns die Vollendung, die du Maria gegeben hast.” -
Nun beginnt der Frauendreißiger; die Tage zwischen Maria Himmelfahrt und Maria Namen (12.9.). Der Monat August geht bald zu Ende. In Böhmen und Mähren endet dann die Ferienzeit und bald auch in Bayern.

Eine gute Reise durch den August und eine gesegnete und glückliche Zeit,
wünscht Ihnen mit heimatlichen Grüßen

Ihr Josef  Wierer, Pfr.i.R. , Aug.2007, Bad Kötzting

Geistliches Wort – Juli 2007

Zukunft braucht Erinnerung
Die Geschichte mit den Augen der Zukunft betrachten

Tag des Erinnerns
An den Anfang meiner Predigt möchte ich ein Gedicht von Rosa Tahedl stellen, das sie überschreibt „Erinnerung“:

Schau ich zurück, dann seh ich Berge, einst viel höher,
und Täler, tiefer eingebettet in das Land.
Da neigt der Himmel blauer sich den Wäldern,
da strahlt die Sonne lichterfunkelnd weich wie Samt.

Schau ich zurück – was alles schöner, besser!
Ich wag es kaum, dem Jetzt es zu vergleichen.
In mildem Licht bin selber ich noch größer,
des Lebens Narben spür ich von mir weichen.

Schau ich zurück, dann wird das Leid viel milder,
das Heimweh drückt nicht mehr so hart.
In der Erinnerung sind selbst Schreckensbilder
nicht mehr so grausam, wie es damals war.

Schau ich zurück, dann dank ich dir, oh Herr,
das Leid und Kummer ich wie Job erlebte.
Dass ich des nächsten Gut in Raffgier nicht erstrebte,
und lieber litt als grausam ohne Mitleid war.

Die Not allein hat meinen Sinn geläutert.
So hast du mich den Weg des Heils geführt.
Nur wer ein Kreuz getragen, weiß, was es bedeutet,
wenn das Verzeihen doch der Seele Krönung wird.

Wir begehen heute miteinander einen Tag des Gedenkens und des Erinnerns. Sich erinnern ist jene Fähigkeit des Menschen, die ihm bewusst macht, dass er ein geschichtliches Wesen ist. Was unser Leben als ein Ganzes zusammenhält, ist die Kraft und die Fähigkeit des Erinnern. Die Erinnerung ist das Paradies, aus dem uns niemand vertreiben kann. Was wir sind, das sind wir geworden, und was wir sein werden, werden wir nicht ohne das sein, was gewesen ist und was wir geworden sind. Das Vergangene tragen wir in uns als kostbares Erbe oder als drückende Last, als Schatten erlittenen Schmerzes oder als Schimmer des Glücks. Beides tragen wir im währenden Augenblick über die Schwelle der Zukunft, in jenen offenen Raum der Zeit, der uns zur Gestaltung aufgegeben ist.

Einen Schlussstrich ziehen?
Nicht wenige äußere Beobachter geben den Rat: Macht doch endlich einen Schlussstrich unter das vergangene Geschehen, reißt nicht wieder Wunden auf, wo endlich verheilte Narben sind, pflügt nicht erneut den Boden dort auf, wo endlich Gras darüber gewachsen ist! Richtet den Blick entschieden in die Zukunft; es ist Zeit, von der Vergangenheit endlich Abschied zu nehmen! Solche Ratschläge mögen gut gemeint sein, sie gehen aber an der Wirklichkeit geschichtlicher Erfahrung ganz gewiss vorbei. Denn gerade die Zukunft braucht Erinnerung.

Was die Geschichte lehrt
Wir alle sind Zeugen dafür, dass man die Lehren aus der Geschichte nicht gezogen hat, als vor wenigen Jahren während der kriegerischen Auseinandersetzungen auf dem Balkan erneut die Furie der Vertreibung gewütet hat, und dieses grausame Geschehen mit einem der übelsten Unwörter des ausgehenden 20. Jahrhunderts verharmlost wurde, nämlich mit dem Begriff der „Ethnischen Säuberung“. Es ist ein Wort aus dem Vokabular des Unmenschen, ganz gleich ob er braun oder rot oder wie auch immer gefärbt ist – nein, Zukunft braucht Erinnerung, sie braucht Erinnerung an die Stationen des Fortschritts und Erfolges, sie braucht aber auch die Erinnerung an die Brüche und Katastrophen, sie braucht das unbestechliche Gedächtnis der erlittenen Schmerzen und Leiden, sie braucht die ganze Wahrheit, denn ohne Wahrheit keine Gerechtigkeit, ohne Gerechtigkeit kein Friede, ohne Friede keine Zukunft! Ja, die Zukunft braucht Erinnerung.

An den positiven Erfahrungen anknüpfen
Allerdings muss man im gleichen Atemzug sagen: Erinnerung wird keine zukunftsfähige Dynamik entwickeln, wenn sie bloße Vergangenheitsbetrachtung bleibt, wenn sie den Schmerz über Gewesenes und Erlittenes nicht umwandelt in eine Kraft, die an den positiven Erfahrungen anknüpft, wie etwa das jahrhundertelange gute Miteinander von Tschechen und Deutschen in Böhmen; wenn sie nicht zu einer Kraft wird, die sich bewusst in den Dienst eines Neuanfangs in guter Nachbarschaft stellt, das heißt, sich mit Entschiedenheit und auf vielen Ebenen und in geduldigen Schritten auf den Weg einer Versöhnung in der Verschiedenheit macht. Es wird sicher noch einer konsequenten Versöhnungsarbeit bedürfen, die nicht nur auf der geschichtlichen Wahrheit aufbauen muss, sondern die angewiesen ist auf die Überwindung sprachlicher, politischer und eingeschliffener ideologischer Barrieren; eine Versöhnungsarbeit, die Behutsamkeit im Reden und geduldige Umsicht im Handeln braucht.
Die Geschichte mit den Augen der Zukunft betrachten
Es ist richtig zu sagen: Zukunft braucht Erinnerung; aber damit die Zukunft gelingt, ist es notwendig, die Geschichte mit den Augen der Zukunft zu betrachten: Wir müssen jene Ansatzpunkte finden, von denen aus ein neuer Zukunftsentwurf möglich ist. Wir dürfen dabei den Mut haben, aus unseren christlichen Wurzeln neues Leben für ein Miteinander in einem größeren Europa wachsen zu lassen. Leben kann ja nur wachsen, wo Wurzeln sind; und neue Erkenntnis kann nur gewinnen, wer sein Gedächtnis nicht verloren hat. Die Ideologien des 20. Jahrhunderts, so mächtig sie sich auch gebärdet haben, haben abgewirtschaftet, sie haben sich aufgelöst wie die Nebel in der Mittagssonne; nun ist es Zeit, einem in den Leiden des vergangenen Jahrhunderts geläuterten Christentum Raum zu geben; einem christlichen Glauben, der die Demut, aber auch das Selbstbewusstsein hat, nicht herrschen zu wollen und Privilegien zu genießen, sondern unerschrocken für die Menschenwürde, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung einzutreten. Was das tschechische und deutsche Volk am meisten zusammenführen wird, das sind die Aufgaben, die sie aus christlichen Geist gemeinsam für eine Humanisierung des politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Lebens in einem zusammenwachsenden Europa aufgreifen werden.

Die Patrone Europas als Wegbegleiter
Auf diesem zukünftigen Weg mögen uns die Heiligen Frauen und Männer hilfreich begleiten, die nach dem Willen des verstorbenen Papstes Johannes Pauls II. Europa als Schutzpatrone begleiten: Der Heilige Benedikt von Nursia, der mit seinen „Ora et labora“ = „Bete und Arbeite“ einen sinnvollen Lebensentwurf vorgezeichnet hat, der Aktivität und die Tiefe des Herzens miteinander verbindet. Die Heiligen Cyrill und Method, de uns daran erinnern: „Europa ist größer. Es atmet mit zwei Lungenflügeln: West und Ost“ (Johannes Paul II.). In ihnen ist das griechische und slawische Erbe Europas aufgehoben. – Die Heilige Brigitta von Schweden, eine Lichtgestalt in kritischen Zeiten, eine Pilgerin durch Europa, eine Frau mit prophetischer Stimme, die den Norden Europas vertritt. Die Heilige Katharina von Siena, eine leidenschaftliche Christin, die als Friedensstifterin und Erneuerin der Kirche auch den Papst in Offenheit zurechtweist. Schließlich die Heilige Edith Stein, selbst Opfer der größten moralischen Katastrophe Europas, die aufgerichtet sein soll, als ein Zeichen für gegenseitige Achtung und Toleranz und als nachdrückliche Einladdung, „sich über alle völkischen, kulturellen und religiösen Unterschiede hinaus zu verstehen und anzunehmen, um eine wahrhaft geschwisterliche Gemeinschaft zu bilden“ (Johannes Paul II.).

Amen.

Predigt beim 16. Bartholomäus-Patrozinium am 27. August 2006
in Lagau – von Domdekan Prälat Prof. Dr. Otto Mochti

Geistliches Wort – Juni 2007

Kurzgefasste Biographie
des Hl. Johannes Nepomuk Neumann

Während einer seiner Geschäftsreisen im Jahr 1802 kam der aus Obernburg in Oberbayern stammende Strumpfmacher Filip Neumann auch nach Prachatitz (Prachatice). Hier kaufte er ein Haus in jener Straße, die heute den Namen „Horní ulice“ („Obere Strasse“) trägt. Bald heiratete er, seine Ehefrau starb jedoch schon nach zwei Jahren. Als seine zweite Ehegattin heiratete er Anežka Lebischová; manche Quellen führen den tschechischen Familiennamen Lepší. In der Familie kamen vier Mädchen und zwei Jungen zur Welt. Dem Schicksal des dritten Kindes, des älteren der beiden Jungen, wollen wir nun nachgehen.
Johann Nepomuk Neumann wurde am 28. März 1811 geboren, also an einem Donnerstag vor dem Passionssonntag. In seiner Selbstbiographie schreibt er zwar, dass er das Licht der Welt an einem Karrfreitag erblickte, was aber offensichtlich für einen Irrtum gehalten werden muss. Jedenfalls begleitete ihn der Schatten des Kreuzes Christi sein ganzes Leben lang. Bereits an seinem Geburtstag wurde er getauft und bekam dabei den Namen nach seinem Taufpaten Johannes Markus. Als seinen Taufpatron rief er stets den Hl. Johannes von Nepomuk an. Der Vater verehrte die himmlischen Patrone jenes Landes, das nun zu seiner Heimat wurde, und gab seinen beiden Söhnen auch ihre Namen.           
Beide Eltern waren gute Christen, tief religiös. Die Mutter ging täglich in die Kirche zur Messe und nahm jeweils eines der Kinder mit. Sobald Johannes etwas größer war, begleitete sie gewöhnlich er. Von ihr lernte er – mehr durch das Sehen als dadurch, dass sie ihm etwas erzählt hätte – den Herrn Jesus zu lieben, zu Gott zu beten und fromme Taten aus Liebe zum Nächsten zu tun. Bald durfte er ministrieren. Vor allem bald in der Früh konnten ihn die Gläubigen vor dem Altar sehen, als die anderen Jungen noch schliefen. In dem für die Spendung der Sakramente ungewöhnlich jungen Alter durfte er die heilige Beichte ablegen und die erste Kommunion empfangen.
Sowohl der Vater als auch die Mutter unterstützten in ihrer Mildtätigkeit die Armen. Diese Großzügigkeit lernten in der Familie auch die Kinder. Etliche Male gewährten die Eltern durch ihre Kinder den Bedürftigen ihre Unterstützung und prägten somit den Kindern die Nächstenliebe ein. Obwohl die Familie relativ wohlhabend war, wurden die Kinder bescheiden erzogen.
In der Familie herrschte eine gerechte Strenge. Johannes soll sich während seines Besuchs schon als Bischof aus Amerika bei seinem greisen Vater dafür bedankt haben, dass er ihn wegen einer kleinen Lüge bestrafte, die er in seiner frühen Kindheit beging. Körperstrafen mussten nicht oft angewendet werden, da alleine der strenge Blick des Vaters genügte, um Ordnung zu schaffen.
So sah also die Atmosphäre aus, in der sich der Charakter des künftigen Heiligen entfaltete und festigte und in der Johannes Neumann nach seinem Verhältnis zu Gott und den Mitmenschen suchte.
Für den kleinen Johannes begann der Bildungsweg mit seinem siebten Lebensjahr. In dieser Zeit leitete der aus Prachatitz stammende Priester P. Petr Schmid die Volksschule. Über Johannes Neumann bezeugte er folgendes: „Schon in seinem jungen Alter hat er meine Bewunderung geweckt, sodass ich mich an die Worte erinnern musste, die über den Hl. Johannes den Täufer gesagt wurden: ‚Was wird wahrscheinlich aus dem Kind werden?‛ Er war nämlich immer ein reinlicher, tugendhafter und sehr guter Schüler.“
Wir wissen nicht, ob Johannes schon damals daran dachte, Priester zu werden. Das Studium war mit hohen Kosten verbunden und er fürchtete, dass der Vater es nicht finanzieren können wird. Über seine Sehnsucht nach dem theologischen Studium sprach er deshalb zunächst nur mit Freunden. Diese sagten es dem Katecheten, der Johannes gut kannte und über seine Fähigkeiten wusste. Selber besuchte er den Vater und wandte sich an ihn mit der Bitte, dem Sohn für das Studium seine Erlaubnis zu geben. Der Vater stimmte zu.  
Im Herbst des Jahres 1824 kam der 13jährige Johannes Neumann nach Böhmisch Budweis (České Budějovice). Mit seinem Studium sah es zuerst nicht sehr gut aus. Einer der Professoren war zu mild und unter seiner Leitung lernten deshalb die Jungen nichts Neues und vergaßen sogar auch das, was sie schon frührer gelernt hatten. Sein Nachfolger war wiederum gebildet und streng und versuchte, innerhalb von einem halben Jahr alles nachzuholen, was die Studenten vorher verpasst hatten. Für die Mehrheit der Schüler war diese Vorgehensweise zu schwer, sodass viele mit dem Lehrplan nicht zu recht kommen konnten. In seiner Biographie merkte Johannes zu diesem Kapitel seines Lebens folgendes an: „Noch weniger zufrieden war ich mit dem Professor für Religion, der die wahre Trockenheit und Fadheit verkörperte. Wie besessen beharrte er auf jedem einzelnen Wort und ich hatte kein Gedächtnis dafür, um Wort für Wort zu lernen. Am Ende des Jahres 1827 fühlte ich mich des Studiums derart überdrüssig, dass ich während der Ferien ernsthaft überlegen musste, das Studium abzubrechen. Von meiner Mutter und meiner verstorbenen Schwester ließ ich mich aber doch leicht zur Studienfortsetzung überreden.“
Die zwei Jahre der Philosophie waren anders. Die Professoren waren Zisterzienser aus dem Kloster Hohenfurth (Vyšší Brod). Sie hatten zwar hohe Ansprüche, waren aber trotzdem zuvorkommend. Zu dieser Zeit machten Johannes Naturkunde, Geographie, Physik, Geologie und Astronomie Spaß, was ihm später sehr zu Gute kam. Der Herrgott bereitete ihn schon damals auf das Werk vor, das Er ihm anvertrauen wollte.    
Während der Ferien im Jahr 1831 musste er sich entscheiden, wie es bei ihm weiter gehen sollte. Angesichts der Überzahl der Interessenten war es nicht einfach, für das Studium der Theologie zugelassen zu werden. Die Empfehlung einer einflussreichen Person hätte er gebraucht, aber er kannte niemand, der für diese Aufgabe geeignet gewesen wäre und irgendwo betteln wollte er nicht. Darüber hinaus war er sich zu diesem Zeitpunkt nicht ganz sicher, ob ihn der Herrgott tatsächlich zum Priestertum berief. So dachte er auch daran, entweder Medizin oder Jura zu studieren. Und wiederum war es die Mutter, die der „Schutzengel“ seiner Berufung war. Sie betete für ihn, machte ihm Mut und ermunterte ihn, sich um den Studienplatz zu bewerben. Wenn das der Gotteswille sein soll, wird er auch ohne Empfehlung genommen werden. Johannes wurde für das Studium der Theologie tatsächlich zugelassen und hielt das für ein Wunder.
Im Laufe des Studiums in Böhmisch Budweis knüpfte er die Freundschaft mit P. Heřman Dichtl, einem gebildeten Priester mit außerordentlichem Weitblick. P. Dichtl wurde der väterliche Freund für das ganze übrige Leben Johannes´. Er stand am Anfang seiner Berufung zur Missionierung, führte mit ihm erbauende Gespräche, gab ihm Ratschläge und unterstützte ihn auch finanziell. Er war der, der ihm die ersten Zeitschriftenhefte der Leopoldinen-Stiftung für das Kaisertum Österreich zur Unterstützung der amerikanischen Missionen in die Hände drückte und der ihn für die Arbeit in Amerika begeisterte.        
Im Herbst 1833 bekam er ein Stipendium für den Studienabschluss in Prag. Seinen dortigen Studienaufenthalt erwartete er mit großer Freude, unter anderem auch deshalb, weil er darin die Gelegenheit sah, sich für die Missionstätigkeit noch besser vorbereiten zu können. Jedoch wurde er enttäuscht. Die Prager Theologische Fakultät stand damals unter dem Einfluss des Rationalismus und der Aufklärung. Die Professoren waren zwar gebildet, von dem Glanz der Gelehrtheit, der an dem wirklichen und tiefen Glauben hinderte, aber geblendet. Wenigstens versuchte er, Sprachen intensiv zu studieren, was seine Vorgesetzten für eine Labilität seiner Berufung hielten. Der Prager Erzbischof verbat sogar den Seminaristen, Französisch zu lernen. Frankreich verstand man damals als die Wiege vieler atheistischer und antikirchlicher Strömungen. Trotzdem erinnerte er sich gerne an Prag. Hier verbrachte er einige Jahre in der Nähe der Gräber des Hl. Wenzel und des Hl. Johannes von Nepomuk, die in seiner Geburtsstadt besonders innig verehrt wurden.
Im Juli 1835 schloss er das Studium ab und kam nach Böhmisch Budweis zurück. Ich hoffte darauf, dass er während der kommenden Tage zum Priester geweiht werden wird. Es gab aber zu viele Priester, manche der im Vorjahr geweihten Priester hatten selber noch keine Wirkungsstätte, und deshalb entschied der Bischof, die weiteren Weihen auf unbestimmte Zeit zu verschieben.
Für Johannes bedeutete dies eine Enttäuschung und eine schwere Prüfung seiner Berufung. Soll er wirklich Priester werden oder will der Herrgott von ihm doch etwas anderes? Zu Hause bleiben konnte er nicht – die Eltern kümmerten sich noch um seine jüngeren Geschwister und Johannes konnten sie nicht mehr unterhalten. Was soll er tun? Da eilte ihm sein alter Freund P. Dichtl wieder zu Hilfe. Gemeinsam beteten sie, berieten sich, trieben Finanzmittel auf, erledigten die notwendigen Formalitäten und entschieden schließlich, dass Johannes nach Amerika verreisen wird, obwohl er noch keine Priesterweihe erhalten hatte.
Am 8. Februar 1836 verließ er Prachatitz. Nicht einmal richtig verabschiedet hat er sich. Das Abschiednehmen mochte er nicht und wusste wohl, dass es auch für seine Eltern schmerzhaft wäre. Besonders tat es ihm leid, dass sie trotz aller der von ihnen gebrachten Opfer der Freude über seine Primiz beraubt wurden. Nach einer mühseligen Reise durch Deutschland und Frankreich, die von mehreren unangenehmen Überraschungen gekennzeichnet war, bestieg er endlich in Le Haver den Dreimaster namens „Europa“.
Die Reise durch die „Wasserwüste“ dauerte symbolische 40 Tage lang. Am 20. April hoben sie die Anker hoch, um am 28. Mai in New York anzukommen. Mehrere Tage mussten die Passagiere noch in der Quarantäne bleiben. Am Donnerstag, den 2. Juni, am Fronleichnamfest, durften sie endlich auf das Festland. In die bischöfliche Residenz ging Johannes mit großem Bedenken, denn er war sich nicht sicher, ob sie von ihm wissen, und wie sie ihn aufnehmen werden. Er wurde aber mit offenen Armen empfangen. Am 25. Juni 1836 weihte ihn Bischof Jean Dubois im Dom des Hl. Patrik zum Priester. Die Primiz fand am zweiten Tag in der deutschen Kirche des Hl. Nikolaus statt.
Die Pfarrei Williamsville, wohin er geschickt wurde, lag am ganz anderen Ende der Diözese. Das Pfarrgebiet erstreckte sich weitläufig zwischen dem See Erie und den Niagarafällen. Heute gehört die Pfarrei der Agglomeration Buffalo an. Damals ließen sich dort viele deutsche Familien nieder, die niemand hatten, der sie geistlich betreuen würde. Unterwegs hielt er in Rochester an, am Ufer des Ontariosees. Dort begegnete er zum ersten Mal P. Josef Prost, einem Redemptoristen. Zwischen den beiden Männern entwickelte sich sehr schnell eine aufrichtige Freundschaft. In Buffalo nahm sich der dortige Pfarrer P. Alexander Pax Johannes an und brachte ihn bis an Ort und Stelle. Auch ihre Freundschaft dauerte bis zum Tod. P. Pax war Johannes´ geistlicher Begleiter und Beichtvater ganze vier Jahre lang. 
Johannes erwarteten viele Probleme, auf die er nicht vorbereitet war und auch nicht vorbereitet sein konnte. Der Kirchenbau war nicht abgeschlossen: es gab nur kahle Wände ohne Dach. Im Ort war keine Pfarre vorhanden und so musste er bei einem gewissen Wirtz in die Mansarde einziehen. Die Miete war nicht hoch, aber mit der Zeit verschuldete er sich dann doch relativ hoch.        
Die Leute, zu denen er kam, waren sehr arm. Sie begannen „von Null“ an zu wirtschaften und verdienten nur so viel, dass es gerade für den geringsten Lebensunterhalt reichte. Die meisten sprachen kein Englisch und konnten daher von den anderen betrogen werden. Die Bevölkerung lebte in Einzelhöfen, die voneinander weit entfernt waren. Sie freuten sich zwar, dass ein Priester kam, hatten jedoch keine Zeit für ihn. Deshalb begann Johannes zunächst mit Kindern zu arbeiten, die mehr Freizeit hatten. Über die Kinder öffnete sich der Weg zu den Herzen der Erwachsenen, die froh waren, dass sich jemand ihrer Kinder annahm. Der Geistliche wusste, dass die Arbeit mit Kindern wichtig ist. Wenn sie ohne religiöse Bildung und Glaubenserziehung bleiben sollten, wird ihre Zukunft trostlos sein und sie verlieren den Glauben.
Die Landschaft, in der er tätig wurde, zeichnete sich durch viele Sumpfgebiete aus und war ungesund. Das Malariafieber tötete einen Menschen nach dem anderen. Die häufigste Tätigkeit von Johannes war die Versorgung der Sterbenden. Zu den Kranken kam er zu Fuß - von Zeit zu Zeit probierte er das mit dem Pferd, was immer schlimm endete, andere Beförderungsmittel gab es nicht – und legte viele Zehnte von Kilometern zurück. Unterwegs war er oft alleine, mehrere Male wurde er dabei von Räubern überfallen, aber wenn sie sahen, dass er nichts Wertvolles dabei hatte, ließen sie ihn wieder gehen. Einmal retteten ihm Indianer das Leben, als sie ihn erschöpft und halbtot im Sumpfgebiet fanden, in dem er sich verirrt hatte.
Große Sorgen machten ihm Sektierer und Andersgläubige. Diese hielten Amerika für ihr verheißenes Land, in das sie Gott führte, wenn sie in Europa verfolgt wurden. Hier durften sie ihre Gedanken frei propagieren, hatten aber Angst, dass die Katholiken hierher kamen, um ihnen diese Freiheit wegzunehmen. Weil sie finanziell gut abgesichert waren, gewannen sie viele der ärmsten Katholiken mit Beschenkungen und Vorteilsversprechungen auf ihre Seite. Johannes setzte sich mit ihnen mehrere Male im Wortgefecht auseinander. Mit der Zeit gingen sie ihm aus dem Weg. Sie erkannten, dass „der kleine Pfarrer“ dafür zu sehr gebildet ist, um ihm Niederlagen liefern zu können. Seine Pfarrkinder konnten stolz auf ihn sein.
Ein anderes Problem stellten die sog. „trustees“ – Kirchenausschüsse - dar. In Amerika gab es kein Patronatssystem, wie es in Europa üblich war, und die Gläubigen mussten alles selber finanzieren. Und weil sie zahlten, wollten sie auch entscheiden. Manchmal maßten sie sich das Recht an, über den Priester zu bestimmen, was er machen oder nicht machen soll, womit er sich beschäftigen soll, wann und welche Gottesdienste er veranstalten darf und sogar, mit wem er Kontakt haben darf und mit wem nicht. Johannes musste sich mit diesem Problem viele Male auseinandersetzen, später auch als Bischof. Niemals wollte er unangemessene Eingriffe in die geistlichen Kompetenzen des Priesters zulassen.
Ein Unwesen, das ihn schlimm quälte und gegen welches er entschieden kämpfte, waren die Tanzbälle. Die von den Einzelhöfen stammenden Farmer, die sonntags in das Städtchen zur Hl. Messe kamen, verkauften auf dem Markt ihre Produkte und kauften Ware ein. Bei dieser Gelegenheit kehrten sie im Gasthaus ein, um zu plaudern und sich ein wenig zu amüsieren. Oft passierte es, dass die Familienväter innerhalb von wenigen Stunden das ganze schwer verdiente Geld versoffen und ganze Familien, auch mit kleinen Kindern, mittellos blieben. Manchmal kam es dabei auch zu Unsitten, Ehebrüchen und damit zum Zerfall der Familie sowie zur Bedrohung der Moralerziehung der Jugend. Johannes drohte mit seinem Umzug, wenn dies nicht aufhören sollte. Und tatsächlich zog er weg. Vielleicht war der Hauptgrund dafür seinerseits die wachsende Verschuldung für die Miete, aber gleichzeitig war das auch eine passende Möglichkeit, manche Leute unter Druck zu setzen. Ohne die Kirche verlor das Gasthaus den Großteil seiner Einkünfte und wurde später geschlossen.
Johannes fand seine neue Wohnstätte in der Gemeinde North Bush (heute Siedlungsteil der Stadt Tonawanda), näher zu den Niagarafällen. Dort hatte er endlich seine Pfarre – eine Holzhütte, in der heute nicht mal Bauarbeiter würden wohnen wollen. Seine erschöpfende Arbeit setzte er fort, übernahm sich. Nach vier Jahren seit seiner Weihe brach er physisch zusammen. Seine Gesundheit, von der er immer behauptete, dass „ein gestandener Böhmerwälder etwas aushält“, war völlig gebrochen. Mehrere Monate war er bettlägerig. Zum Glück kam zu dieser Zeit sein jüngerer Bruder Wenzel aus Prachatitz zu ihm, um den Haushalt zu führen. Trotzdem war es klar, dass es so nicht weiter gehen wird.
Über seine Lage beriet er sich mit seinen Freunden – persönlich mit seinem Beichtvater P. Pax und schriftlich mit P. Prost, der ein Redemptorist war. Dieser schrieb ihm in einem Brief: „Vae soli (Weh einem, der alleine ist)!“ P. Prost lud ihn in die Kongregation des Allerheiligsten Erlösers ein. Johannes kannte die Spiritualität des Hl. Alfons – bereits während seiner Studienzeit übersetzte er seine Schriften – und bewunderte auch die Tätigkeit der Redemptoristen in Rochester. Er sehnte sich nach Regelmäßigkeit und Ordnung in der Arbeit und im geistlichen Leben. Die Entscheidung fiel ihm also nicht schwer: am 4. September 1840 stellte er den Antrag auf Aufnahme in die Gemeinschaft und am 16. September erhielt er die Antwort „Sie wurden aufgenommen“. Dann blieb nur noch, das Einverständnis der Diözese für seine Freigabe einzuholen. Der Bischof wehrte sich, da er den eifrigen Priester nicht verlieren wollte, aber schließlich stimmte er zu.
Am 18. Oktober klopfte er am Tor des Klosters in Pittsburg an, in dem er von P. Tschenhens, seinem Novizenmeister, empfangen wurde. Einen Monat später kam auch sein Bruder Wenzel und stellte ebenfalls den Antrag auf Aufnahme und wurde Laienbruder. Das Jahr des Noviziats war ganz anders, als es sein sollte, und als er sich es vorstellte. Statt eines regelmäßigen Gebets wurde er hin und her geschickt, dorthin wo gerade Aushilfe nötig war. 3000 Meilen legte er zurück und mehrere Male wechselte er seinen Novizenmeister. Er begann zu glauben, dass die Kongregation an ihm kein Interesse hat und zweifelte, ob seine Entscheidung richtig war, den Aufnahmeantrag gestellt zu haben. Nichtsdestotrotz harrte er aus und am 16. Jänner 1842 legte er in Baltimore die Ordensgelübde ab.
Die folgenden zwei Jahre verbrachte er im Kloster in Baltimore. Vor allem übte er Pastorale aus: Taufen, Predigten, Beichten, Messen, Religionsunterricht gehörten zu seinem Aufgabenfeld. Er betreute deutsche Einwanderer, die zu Tausenden durch die Stadt zogen. Außerdem reiste er in ganz Maryland und den benachbarten Staaten herum und besuchte dort die deutschen Siedlungen. Es waren wahrscheinlich die ruhigsten Jahre seines Lebens.
Am 5. März 1844 wurde er nach Pittsburg versetzt. Auch hier waren seine Hauptaufgaben die pastoralen Tätigkeiten, darüber hinaus gab es dort die große, noch nicht fertig gebaute Kirche der Hl. Filomena, die sehr hoch verschuldet war. An ihr bissen sich bereits einige Redemptoristen die Zähne aus. Auf dem Gebiet der Finanzen war Johannes nicht sehr erfahren, aber mit Geduld und mit seiner taktvollen Art der Menschenbehandlung wurde er erfolgreich. Die Kirche wurde am 4. Oktober 1846 feierlich geweiht. Er selber war jedoch wiederum völlig erschöpft, befand sich fast am Rande des Todes. Er bekam den Auftrag, nach Baltimore zurückzukehren und sich dort zu heilen.
Am Anfang des Jahrs 1847 kam eine überraschende Benachrichtigung: Johannes wurde zum Vertreter des Provinzials, also des Leiters der gesamten Ordensprovinz in Nordamerika. Er fürchtete, dass seine Kräfte und seine natürlichen Fähigkeiten, besonders wenn es um die Umsetzung der bevorstehenden Angelegenheiten ging, nicht ausreichen werden, aber aus Gehorsamkeit und im Vertrauen auf Gott nahm er die Funktion an. Zu dieser Zeit erweiterte die Kongregation ihre Tätigkeiten: auf Wunsch der Bischöfe übernahm sie weitere Pfarreien, die Orte, in welchen die Redemptoristen wirkten, wurden mehr. Das bedeutete allerdings, dass die Mitbrüder nicht in der Gemeinschaft lebten, sondern vereinzelt oder zu zweit arbeiteten und daher die festgelegte Ordnung der Gottesdienste und des Ordenslebens nicht einhielten bzw. nicht einhalten konnten. Verhältniswidrig wuchsen die Schulden an, sodass ein Finanzzusammenbruch drohte. Deshalb hielt er es für seine erste Aufgabe, diese spontane Entwicklung zu stoppen und die Observanz (die genaue Einhaltung der Ordensregel), wegen der er in die Kongregation eintrat, zu erneuern. Diesbezüglich herrschte weder unter den Mitbrüdern noch unter den Vorgesetzten eine einheitliche Meinung. Aufgrund der gespannten politischen Lage in Europa (es nährte sich das Revolutionsjahr 1848) wechselte die Kompetenz der Kongregationsführung zwischen der österreichischen und belgischen Provinz und jeder der Provinziale sah die Sache anders. Die Mehrheit der Mitbrüder stammte aus der österreichischen Provinz und diese befürwortete die Erweiterung. Im Unterschied zu anderen kannte er die vorgesetzten Personen nur aus der Korrespondenz. Mehrmals ersuchte er um die Entbindung von seinem Amt, was nur wenige wollten. Trotz der schwierigen Lage hatte er in vielen Hinsichten Erfolg. Im Einklang mit seiner alten Überzeugung bemühte er sich, katholische Schulen zu gründen. Manche Kongregationen von Schulschwestern unterstützte er bedeutend in den Anfängen ihrer Wirkung in Amerika, sowohl finanziell als auch geistig.
Im Jänner 1849 übergab er die Leitung dem neuen Vorgesetzten, P. Bernard Hafkenscheid. Alle Sorgen wurde er jedoch nicht los, denn er blieb dessen engster Mitarbeiter, seine „rechte Hand“. Nach einem Jahr wurde eine selbständige Kongregation gegründet, die alle amerikanischen Häuser umfasste.
Im April 1851 starb der Erzbischof in Baltimor. Sein Nachfolger war Francis Kenrick, der bisher Bischof in Philadelphia war. Er wusste über die Frömmigkeit und die an das geistliche Leben gestellten hohen Ansprüche Neumans und suchte sich ihn als Beichtvater aus. Dadurch vertiefte sich die Verbindung zwischen den beiden Männern. Als später die Kandidaten für das Bischofsamt in Philadelphia gesucht wurden, schlug Francis Kenrick seinen Beichtvater auch vor.   
Die Ernennung kam am 19. März 1852. Neumann war entsetzt. Er ersuchte den Generalvorgesetzten der Redemptoristen um seine Intervention, aber Rom entschied bereits endgültig, und so nahm er mit schwerem Herzen sein neues Amt an. Die Bischofsweihe fand am 28. März 1852 in Baltimore am Tag seines 41. Geburtstags statt. Es war ein Passionssonntag. Als sein Bischofsmotto wählte er die folgende Bitte: „Passio Christi, conforta me!“ (Leiden Christi, stärke mich!). Der Schatten des Leidens Christi sollte ihn mit neuer Intensität erreichen.
Philadelphia war eine bedeutende Stadt. Hier wurde die Unabhängigkeitserklärung unterzeichnet, hier lebte die Elite der amerikanischen Gesellschaft. Johannes hielt sich den gesellschaftlichen Veranstaltungen fern, er mochte keine Oberflächlichkeit und keinen Luxus. Er war stets reinlich aber einfach gekleidet, die Einrichtung der Residenz war schlicht und einfach. Das degradierte ihn in den Augen mancher Leute. Wohler fühlte er sich auf dem Lande unter armen Menschen. Die Diözese war damals die größte in den Vereinigten Staaten. Jedes Jahr verbrachte er mehrere Monate mit Visitationen. Er spendete Sakramente, predigte, hörte den Leuten zu, die ihm ihre Sorgen erzählten. Bald machte er sich ein genaues und detailliertes Bild über die Diözese, was ihm bei vielen Entscheidungen half.
Mit großem Engagement setzte er sich für den Religionsunterricht der Kinder und Jugend ein. Er wollte, dass jede Pfarrei eine katholische Schule hätte. Diesbezüglich scheute er keine Opfer und rügte jegliche Saumseligkeit. Bereits während der ersten drei Jahre seines Bischofsamts wuchs die Anzahl der Kinder in den katholischen Schulen von 500 auf 9000 an. Weniger erfolgreich war er mit den mittleren und höheren Schulen. Das Seminar für Jungen, nach dem er sich sehr sehnte, konnte er erst wenige Wochen vor seinem Tod eröffnen. Er unterstützte Schulorden, sowohl Frauen- als auch Männerorden, und war stets bemüht, ihnen maximal entgegenzukommen.           
Ähnlich engagiert widmete er sich dem Erbauen der Kirchen. Neue Kirchen wurden dringend gebraucht, denn gerade in den 50er Jahren erlebten die Vereinigten Staaten eine der stärksten Immigrationswellen in ihrer Geschichte. In zwei Jahren wurden über 40 Kirchen fertig gebaut, vergrößert oder neu gebaut. Die einzige Kirche, deren Bau langsamer voranging, als er es sich wünschte, war der prunkvolle Dom der Hl. Apostel Peter und Paul in Philadelphia. Mit dem Bau wurde schon im Jahr 1846 begonnen, sein Vorgänger setze darin seine Ehre. Die Baukosten belasteten das Finanzbudget der Diözese und der Dom war hoch verschuldet. Trotz des Missfallens mancher Alteingesessener entschied er, nur dann weiter zu bauen, wenn für die vorgesehenen Arbeiten genug Geld vorhanden sein wird.
Er befasste sich allerdings nicht nur mit Äußerlichkeiten. Er führte einen geistlichen Kampf gegen jene Kräfte, die den Leuten den Glauben und die christliche Moral rauben wollten, damit sie mit ihnen leichter manipulieren und an ihnen verdienen konnten. Diesen Kampf führte er mit geistlichen Mitteln: trotz der geringen Bereitschaft seitens der Priester und ihrer Angst vor der Schändungsgefahr führte er schon im Jahr 1853 die Praxis ein, das Allerheiligste 40 Stunden lang zur Addoration auszusetzen. Ähnliche Andachten fanden zwar schon früher statt, aber Johannes Neumann verlieh ihnen eine Ordnung und plante sie für die gesamte Diözese.
Im Herbst 1854 lud der Heilige Vater Pius IX. Bischöfe aus aller Welt nach Rom ein, damit sie am 8. Dezember der feierlichen Verkündigung des Dogmas der Unbefleckten Empfängnis Mariens beiwohnen. Johannes nahm die Einladung mit Freude an. Er sehnte sich danach, den kanonischen Besuch „ad limina apostolorum“ abzustatten und das war eine passende Gelegenheit dafür. Am 21. Oktober machte er sich auf den Weg. Nach der Beendung der Feier wurde er in einer Privataudienz vom Heiligen Vater empfangen, besuchte alle Zentralämter und gab seine Werke heraus. Anschließend fuhr er eilig nach Böhmen, um hier seine Familie zu besuchen, die er 19 Jahre lang nicht gesehen hatte. In Prachatice kam er am 3. Februar 1855 an und blieb etwa eine Woche lang. Er erfreute sich mit dem Vater und der Mutter, ging auf den Friedhof, traf sich mit vielen Freunden und Bekannten, hatte den Vorsitz bei feierlichen Gottesdiensten. Und wiederum vermied er das Abschiednehmen, ähnlich wie vor Jahren. Am 9. Februar reiste er zeitig ab und beeilte sich, um bis Ostern zu Hause in Philadelphia zu sein.
Die Verwaltung der riesigen Diözese bedeutete für Johannes die Bewältigung einer großen Last. Vor allem bzgl. der finanziellen Angelegenheiten fühlte er sich unwohl. Im Rahmen eines Provinzialkonzils unterbreitete er den Vorschlag, die Diözese in zwei Verwaltungseinheiten zu teilen; er sollte in der ärmeren und weniger bedeutenderen Hälfte bleiben. In Rom waren sie aber einer anderen Meinung. Statt der Versetzung bekam er einen Helfer – Koadjutor. Monsignor James Wood war ursprünglich ein Bankangestellter und in der Eigentumsverwaltung kannte er sich ausgezeichnet aus. Er war gesellig und wusste sich in den höheren Kreisen zu benehmen. Sie ergänzten sich, die Zusammenarbeit zwischen ihnen war bis dahin gut, dass Wood irrtümlich vermutete, dass er deshalb zum Koadjutor ernannt wurde, weil Neumann bald in Pension gehen will und er sein Nachfolger werden soll. Er war enttäuscht, dass sich seine Erwartungen immer nicht erfüllten.
Und trotzdem passierte das. Nicht durch den Willen der Menschen, sondern durch Gotteswillen. Am Donnerstag, 5. Jänner 1860, fühlte sich Johannes nicht wohl. Angesichts dessen, was er in seinem Leben schon überstanden hatte, nahm das der Bischof nicht wichtig. Am Nachmittag eilte er zum Notar, um noch einen Vertrag zu erledigen. Als er die Straße überquerte, verlor er das Gleichgewicht. Keinen wunderte das, da es frostete und der Gehsteig rutschig war. Es war aber nicht das Glatteis, das seinen Fall verursachte. Der Herrgott berief seinen treuen Diener zu sich. Erst danach liefen alle zu ihm und erkannten den Bischof. Die Nachricht über seinen Tod verbreitete sich blitzartig in der ganzen Diözese.
So ein ruhmreiches Begräbnis hatte Philadelphia noch nie erlebt. Wie das oft ist, wurde vielen Menschen erst nach seinem Tod bewusst, wen sie verloren hatten. Am 9. Jänner wurde sein Leib im Grab in der Redemptoristenkirche des Hl. Petrus beigesetzt. Wenigstens nach dem Tod fand er die Ruhestätte dort, wo er sie während seines Lebens ohne Erfolg immer suchte: unter seinen Ordensmitbrüdern. Der Erzbischof Kenrick sagte über ihn: „Er konnte nicht anders, als auf dem Weg zu sterben. Er war immer unterwegs, denn jede Stunde, jeden Moment seines Lebens suchte seine Seele nach Gott.“

Verfasst von: P. Pavel Liska aus Netolice bei Budweis

Übersetzung aus dem Tschechischen: Jiří Franc

Geistliches Wort – Mai 2007

Maimonat - Marienmonat

Maimonat – Marienmonat. So ist uns Gläubigen der Wonnemonat Mai vertraut. Viele von uns erinnern sich ganz besonders in diesem Monat der Tage und Ereignisse, die ihren Alltag und ihr Leben geprägt haben: die Maiandachten, die Wallfahrten zu den grossen Gnadenstätten, die Besuche der vertrauten und liebgewonnenen, heimatlichen Gnadenorte. Zuflucht, Bitte und Dank haben die Verehrung und Liebe zur Gottesmutter wachsen lassen und unsern Glauben gestärkt. Ich selber erinnere mich gerne der täglichen Maiandachten in dem Ort, wo wir nach der Flucht und Heimatsuche eine Bleibe gefunden hatten. Waren die abendlichen Maiandachten für mich als Kind eine Möglichkeit abends ausser Haus zu kommen, so erhielt doch im Laufe der Zeit die Verehrung der Gottesmutter einen besonderen Platz in meinem Leben. Und vielen Menschen ist es ebenso ergangen. Maria war nicht Ersatz für etwas sondern wurde Hilfe für ein Leben aus dem Glauben.
In der Lauretanischen Litanei rufen wir Maria mit einer Vielzahl von Namen und Bildern an. Sie sind ein Lobpreis Mariens, enthalten zugleich aber auch die Bitte um Fürsprache in den Anliegen unseres Lebens. Manche dieser Anrufungen sind uns sofort verständlich. Andere müssen unserem Verständnis erst erschlossen werden. Jeder Anrufung aber lässt uns nur stückhaft das Heilswirken Mariens erahnen.
Gegenstand unserer Marienverehrung ist nicht irgendeine abstrakte Idee, sondern eine lebendige Person, Maria, die Gottesgebärerin, die Mutter Jesu. Verehrung ist ja eine urmenschliche Gebärde der Hinwendung zum anderen. Wir fühlen uns von ihm betroffen und innerlich er- griffen. Seine Gegenwart bereichert uns, erfreut uns.

Deshalb blicken wir in dankbarer Freude zu ihm auf und zugleich verneigen wir uns in Ehrfurcht vor ihm. Und dies gilt auch für unsere Marienverehrung.

Der Gruß des Engels bei der Verkündigung, die Seligpreisung Marias durch Elisabeth und das herrliche Magnifikat der Gottesmutter weisen auf die Marienverehrung der Urkirche hin. „Siehe von nun an preisen mich selig alle Geschlechter“ (Lk 1,48). Dieses Wort hat einen Sitz nicht nur im Leben Mariens, sondern auch im Leben der Kirche – bis heute.
Wir verehren und preisen Maria selig, weil sie uns das Heil, Christus den Erlöser, geboren hat. Sie hat sich Gott zur Verfügung gestellt: „Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast“ (Lk 1,38). Das Fiat Marias ist das Wort des Menschen, der offen ist für Gottes Ruf, bereit sich auf ihn einzulassen. Offen für Gott, für seinen Anruf ist aber dem heutigen Menschen - leider oftmals auch uns - abhanden gekommen. Wir würden gut daran tun, von neuem in die Schule Marien zu gehen, um dies von ihr zu lernen. So könnten wir, seine Liebe zu uns erkennen, frei werden für den Dienst an den Mitmenschen und die Zeichen der Zeit verstehen. Durch Gottes Ruf werden auch wir wie Maria zur Antwort gerufen. Wir stehen in der Verantwortung. Verantwortung aber fordert Bereitschaft und Treue.

Maria ist uns dabei Vorbild. Und in ihrem Leben leuchtet auf, was uns sie so verehrungswürdig macht. Ihre Auserwählung verschonte sie nicht vor Leid, Flucht, Schmerz und Tod, doch durch die Gottes Gnade wurde die Auserwählte den Menschen zur Mutter. So verehren wir sie als unsere Mutter. Wir preisen sie als Ersterlöste, die Gott von der Sünde befreit hat. Wir schauen voll Hoffnung zu ihr auf, die Gott mit Leib und Seele in seine Herrlichkeit aufgenommen hat. Der Blick auf Maria hat zu allen Zeiten die Menschen veranlasst, um ihre Fürsprache zu bitten.
Herzlich lade ich Sie ein, in diesem Maimonat das Leben der Gottesmutter zu betrachten und dabei die frohmachende Erfahrung zu machen, dass auch wir von Gott gerufen, geliebt und angenommen sind wie Maria. Wo unser Glaube schwach ist, wo wir Hilfe bedürfen, wo Trauer und Gebrechen uns den Weg zu Gott versperren, da lasst uns zur Mutter gehen und vertrauen, dass sie für uns da ist, die Trösterin der Betrübten, die Zuflucht der Sünder, das Heil der Kranken, die Hilfe der Christen. Mit den Worten pilgernder Menschen empfehlen wir uns der mütterlichen Fürsprache am Throne der Gnaden:

Gedenke, o gütigste Jungfrau Maria, wie es noch nie erhört worden ist, dass jemand, der zu dir seine Zuflucht genommen, deine Hilfe angerufen, um deine Fürbitte gefleht hat, von dir sei verlassen worden. Von diesem Vertrauen beseelt, nehme ich meine Zuflucht zu dir, o Mutter, Jungfrau der Jungfrauen. Zu dir komme ich, vor die stehe ich als armer Sünder. Mutter des ewigen Wortes, verschmähe nicht meine Worte, sondern höre mich gnädig an und erhöre mich. Amen.

P. Norbert Schlegel O. Praem.,
Visitator für die Seelsorge an den Sudetendeutschen und
Vorsitzender des Sudetendeutschen Priesterwerkes

Geistliches Wort – April 2007

In der Freude des Auferstandenen

Es ist eine Wahrheit: Große Feste schmecken dann besonders, wenn die Vorbereitung richtig gelaufen ist. Das gilt für Weihnachten wie für Ostern. Wer nur danach giert, möglichst der Erste zu sein, der Christstollen und Spekulatius zu essen bekommt oder Christkindl-Glühwein beim Bazar verkaufen kann, der bringt sich womöglich um den richtigen Geschmack von Weihnachten. Und wo Pfarreien mit den Vereinen wetteifern, den Weihnachtsbazar möglichst schon am Christkönigssonntag durchzuführen, der hat noch nie erfahren, wie schön das Warten auf ein Fest ist.

Der Druck der Geschäftigkeit meint es mit Ostern ein wenig besser. Aber kaum sind die Rotmützen der Weihnachtsmänner aus den Regalen weggeräumt, werden sie mit den Schleckereien für Ostern gefüllt. Ich gebe ja zu, nach Weihnachten schmecken die Krokant-Ostereier besonders gut!

Bitte, ehrlich bleiben! Wir Christen müssen die Situation der Festtage von Ostern und die sie umgebende Geschäftigkeit zur Kenntnis nehmen. Denn wir Christen sind im Alltag genauso hineinverwickelt wie alle anderen Leute. Dabei haben wir mit Ostern ja noch Glück. Denn was kann schon am Palmsonntag, Gründonnerstag oder Karfreitag besonders gehandelt und vermarktet werden? Die Ostermärkte sind sowieso die Sache von Händlern und Marktbetreibern. Da sind selbst geschäftstüchtige Pfarreien noch nicht draufgekommen, eine Konkurrenz zu den Ostermärkten zu veranstalten. Also: Glück gehabt! Und damit ist uns die Chance gegeben, Ostern richtig zu verstehen und zu feiern.

Ostern ist ein Fest, wo wir ein Bekenntnis aussprechen. Wir bekennen uns zum Gekreuzigten und zum auferstandenen Christus Jesus. Wir leben aus dem, was er für uns getan hat. Wir leben von der Hoffnung, die er uns gebracht hat.
Ohne Hoffnung und ohne einen Lichtblick für unser Leben können wir nicht leben. Das zeigt schon der Blick in unseren Alltag. Ein kleines Stückchen Hoffnung kann beispielsweise die Erwartung eines freien Wochenendes sein und die Vorfreude auf die schon gebuchte Urlaubsreise. Aus der Hoffnung lebt der Kranke, der endlich aus dem Krankenhaus nach Hause gehen möchte. Hoffnung vermittelt auch ein gutes Wort, eine Freundschaft, eine Liebe, ein Lob, eine Anerkennung, ein Dank ...
Hoffnung ist für uns Christen eng mit Ostern verknüpft. Da hat einer die Grenzen des Irdischen, die Grenzen des Todes überwunden. Es ist Jesus, der Sohn Gottes. Dieses Hoffnungsgefühl haben zuerst jene erfahren, die Jesus nachgefolgt sind, die Frauen am Grab, dann Petrus und die anderen Jünger. Und doch haben sie in ihrer ersten Begegnung mit dem Auferstandenen ein ganzes Stück Zeit gebraucht, die Erfahrung der Hoffnung anzunehmen.

Wir heutigen haben es schwerer und zugleich auch leichter. Schwerer, weil wir nicht solche ersten Erfahrungen machen können wie die Apostel und die Frauen. Leichter, weil so viele Menschen vor uns wirklich Zeugen und Zeuginnen des Glaubens sind, auf die wir schauen können.
Wie etwa jener Christ in der Zeit des Kommunismus in Russland. Er war eingesperrt. Es war verboten, laut zu singen und zu beten. Aber die Osterfreude konnte er nicht für sich behalten. Es schrie sie laut in den Gefängnishof hinaus: „Christus ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!“ Strenge Einzelhaft war die Extra-Strafe für dieses mutige Bekenntnis.
Schoko-Osterhasen und Krokant-Ostereier sind die eine Sache. Sich zu Jesus zu bekennen ist eine andere Sache. Es braucht dazu auch bei uns Mut. Man wird bei uns nicht eingesperrt dafür, aber auch für das Bekenntnis nicht verlacht. Die Umgebung hat Respekt vor mutigen Leuten!

Pallottinerpater Josef Danko, Bildungshaus St. Josef,
Schloß Hersberg, Immenstaad a.B.
(Heimatgemeinde Gerbetschlag bei Hohenfurth)

 

Geistliches Wort – März 2007

„Bemüht euch mit allen Kräften!”

Was Spaß macht, zählt heute. Auch Christsein muß Spaß machen, sonst hat es schlechte Karten. Locker soll es zugehen im Gottesdienst. Gags sind gefragt, um die Teilnehmer bei Laune zu halten, vor allem solche aus der jüngeren Generation. Weniger Interesse findet eine ernste und feierliche Liturgie. Spannung, Unterhaltung, Kurzweiligkeit werden erwartet. Das eigene Einbringen in den Gottesdienst steht allerdings nicht hoch im Kurs.
Zum Christsein gehören selbstverständlich Freude und Spaß. Seine Quelle ist ja eine Frohbotschaft. Christen wären wenig glaubwürdig, wenn bei ihnen vom Erlöstsein nichts zu spüren wäre. Das ist die eine Seite. Aber zum Christsein gehört genauso Ernst. Die österliche Bußzeit als Zeit der Umkehr ruft uns die Notwendigkeit ernsthaften Bemühens in Erinnerung.

Im Lukasevangelium (13,14) wird einmal Jesus von einem Mann gefragt. Dieser macht sich Gedanken, wie es wohl um die Rettung des Menschen aus den zerstörerischen Mächten des Todes und des Bösen steht, wieviele wohl gerettet werden. Ihm gibt Jesus zur Antwort: „Bemüht euch mit allen Kräften durch die enge Tür zu gelangen, denn viele, sage ich euch, werden versuchen hineinzukommen, aber es wird ihnen nicht gelingen.”

Jesus lässt sich auf keine Zahlenspekulationen ein. Er wird gleich praktisch. Jeder, so fordert er, soll sich mit allen Kräften bemühen. Wie ein Wettkämpfer soll der Christ versuchen, der beste und schnellste zu sein, um durch die enge Tür zu gelangen hin zum Ziel des endgültigen Lebens. Damit macht Jesus deutlich: Den Himmel gibt es nicht zum Nulltarif. Ein tägliches Ringen ist erforderlich, um die Chancen zum Guten zu nützen, die das Leben bietet. Es wäre einfach leichtfertig, die Liebe zu Gott und zu den Menschen auf die leichte Schulter zu nehmen.
Wer das Gute nicht mit allen Kräften sucht, das Gott für uns bereithält, schließt sich selbst aus von der Fülle des Lebens, die bei Gott für uns bereitsteht. In der Geschichte Gottes mit den Menschen gibt es entscheidende Augenblicke. Wer sie verschläft, bleibt draußen, findet keinen Zugang zu der Welt Gottes. Dabei wartet dort auf uns, was wir uns ersehnen: beständige Freude, unzerstörbares Glück, ewiges Leben. Wir können leicht den gleichen Fehler begehen wie das Volk Israel. Ihm gilt das Mahnwort Jesu zunächst. Es glaubte, es müsste sich von Jesus nicht zu neuen Anstrengungen aufrufen lassen. Der Zugang zur Welt Gottes stehe ja schon durch das Gesetz und durch den Tempel offen.

Für uns Christen gilt aber das Mahnwort Jesu nicht weniger. Wer meint, sich auf seinen Taufschein verlassen zu können als Zugang zu Gott und sonst leben zu können wie es gerade gefällt, kann nicht von vorneherein erwarten als Jünger Jesu an der Tür zum endgültigen Leben erkannt zu werden. Wer ein Leben lang auf die Beziehung zu Gott keinen Wert legt und für sie nichts tut, dem hilft es dann wenig, wenn er Einlass begehrt in die Welt Gottes und ruft: „Herr mach uns auf!” muss er da sich nicht verständlicher Weise auf das Wort Jesu gefasst machen: „Ich weiß nicht, woher ihr seid”(Lk 13,25).

Beides gilt es also im Auge zu behalten: Christsein als eine frohe, aber auch als eine ernste Sache. Die innere Erneuerung auf Ostern hin ist einer Anstrengung wert, wie auch das gläubige Bemühen Zeit unseres Lebens auf das endgültige Ostern hin in der Herrlichkeit Gottes. Denn in solchem Tun schaffen wir Raum für eine österliche Freude, die nie mehr aufhört.

Domkapitular Alois Ehrl