60 Jahre Jahre Glaube und Heimat


Siegfried Weber und Alois Ehrl statten OB Zankl Antrittsbesuch ab
Aus der Geschichte lernen, diese aufarbeiten und wider die Geschichtslosigkeit angehen, solche Ziele formulierten Siegfried Weber und Alois Ehrl beim Antrittsbesuch bei OB Albert Zankl. Die beiden Priester – Weber ist Militärpfarrer in Sigmaringen, Ehrl Domkapitular in Eichstätt – sind die Vorsitzenden des Vereins Glaube und Heimat. Dieser Verein gibt die gleichnamige Monatsschrift der heimatvertriebenen Böhmerwäldler, der Freunde des Böhmerwaldes und des Böhmerwaldmuseums Passau heraus. Die Redaktion der Zeitschrift sitzt in Passau und wird von Robert Baierl geleitet.

Dieser begleitete genauso wie der 1. Vorsitzende des Vereins Böhmerwaldmuseum, Manfred Pranghofer, die beiden Geistlichen ins Rathaus. Passau ist Patenstadt der Böhmerwäldler und soll auf dem Laufenden über die Aktivitäten sein. OB Zankl bezeichnete sich genauso wie der anwesende MdL Dr. Gerhard Waschler als „bekennender Befürworter der Böhmerwäldler“. Waschler unterstrich die „Notwendigkeit zum Dialog über die Grenzen hinweg“ und freute sich, von den anwesenden Böhmerwäldlern die Marschrichtung zu hören hin zu einem gemeinsamen Geschichtsverständnis, das sowohl Tschechen wie Sudetendeutsche tragen können. Zankl begrüßte es, dass eine Bündelung der Kräfte gerade in Passau geschehe. Passau sei ein Ort der Fokussierung. „Wir wollen auf Brücken bauen und die Abgrenzungen abbauen“, unterstrich Weber. Man wolle auch auf die Jugend setzen. Er stellte die Passauer Studentin Theresa Langer vor, die ihre Diplomarbeit über den Krummauer Fotografen Josef Seidl schreibt.
In diesem Zusammenhang wiesen Baierl und Pranghofer darauf hin, dass das Böhmerwaldmuseum sich aktiv an der Erstellung einer Kulturdatenbank Böhmerwald beteilige. Hier sollen nicht nur das Glasplattenarchiv des Ateliers Seidel, sondern auch die Bestände des Museums eingearbeitet werden. Für Böhmerwäldler in der ganzen Welt könnten so wichtige Daten über das Internet abgerufen werden. Die Zeitschrift „Glaube und Heimat“, die sich in der Nachfolge des Bistumsblattes der Diözese Budweis sieht, wird sich hier auch finanziell einbringen. „Die Bündelung der Kräfte macht Sinn“, resümierte OB Zankl.

Dr. Stefan Rammer, PNP Nr. 163, Dienstag, 18.07.2006, Seite 31
Ausgabe 09/10-2006


Der Sudetendeutschen Landsmannschaft Furth im Wald ist es zusammen mit der Stadt Furth im Wald, dem Historischen Verein Furth im Wald und engagierten Einzelpersonen gelungen, im 60. Jahr nach Ankunft des ersten Transports mit vertriebenen Sudetendeutschen im Grenzdurchgangslager Furth im Wald einen Gedenkstein setzen zu lassen. Daneben soll eine Blutbuche gepflanzt werden als belebendes Element und zugleich als Zeichen für eine hoffnungsvolle Zukunft. Der homogene schwarze Monolith mit den Abmessungen 90 x 90 x 100 cm und glatt polierten Außenflächen trägt das Relief des Grenzdurchgangslagers aus Bronze. Die Beschriftung erfolgt in Deutsch, Tschechisch und Blindenschrift. „Grenzdurchgangslager Furth im Wald 1946 – 1958. Erste Station in der Freiheit für 750.000 Vertriebene.“
Die Südseite zeigt keilförmig angeordnet die Sammelabgangsorte und die Zielorte der Vertreibung mit den drei Wappen für das Sudetenland, die Stadt Furth im Wald und Europa. Nachdem alle bürokratischen Hürden (Standort, Denkmalschutz, Ausführung) genommen sind, richten wir an alle noch lebenden Vertriebenen, für die Furth im Wald damals die erste Station in Freiheit wurde, und an alle Einheimischen, die an die schwere Nachkriegszeit und die große humanitäre Leistung ihrer Stadt erinnern wollen, die Bitte, durch eine großherzige Spende die Finanzierung zu sichern, damit der Gedenkstein noch bis Ende Oktober 2006 gesetzt und eingeweiht werden kann. Die Sudetendeutsche Landsmannschaft Furth im Wald kann aber das Vorhaben, das auf 36.000 € veranschlagt ist, nicht alleine realisieren. Daher haben wir ein besonderes Spendenkonto eingerichtet:
SL Furth im Wald, Kto-Nr.: 120 202 254, Sparkasse Furth im Wald (BLZ: 742 510 20), Verwendungszweck: Gedenkstein.
Eine Spendenbestätigung kann ausgestellt werden.

Liebe Mitglieder und deren Nachkommen, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, liebe Freunde und Förderer, spenden Sie großherzig. Bitte, helfen Sie nach Kräften mit, dass unser Projekt finanziert werden kann. Sprechen Sie auch Ihre Freunde und Bekannten an. Die Sudetendeutsche Landsmannschaft Furth im Wald baut auf Ihre Unterstützung.

Ansprechpartner für Rückfragen: 1. Vorsitzender der SL Furth im Wald, Anton Bayer, Finkenweg 8, 94347 Furth im Wald, Tel. 09973-3844.

Ausgabe 12-2006


Gedenkgottesdienst in Schwabach
In Glaube und Heimat fanden Sie schon einen Hinweis im letzten Heft Nr. 4 auf den Gedenkgottesdienst in der für die Heimatvertriebenen erbauten Kirche "Zur Göttlichen Vorsehung" im Stadtteil Vogelherd in Schwabach am Sonntag, 14. Mai 2006 um 10.00 Uhr. Es wird die den Heimatvertriebenen ans Herz gewachsene Schubertmesse gesungen. Zu Beginn werden zwei Zeitzeugen berichten, wie es damals beim Transport, bei der Ankunft im Lager und anschließend bei der Zuweisung in die einzelnen Orte und Quartiere war. Den Gottesdienst werden der erste Vorsitzende von Glaube und Heimat, Militärpfarrer Siegfried Weber, und der stellvertretende Vorsitzende, Domkapitular Alois Ehrl, leiten.
Nach dem Gottesdienst besteht die Möglichkeit zu einem Rundgang durch das ehemalige Lagergelände. Die Baracken von einst sind allerdings längst anderen Bauten gewichen. Zum Mittagessen kann man sich in den Gasthäusern von Schwabach treffen. Auch die Goldschlägerstadt Schwabach ist einen Besuch wert.
Sie, die Leser von Glaube und Heimat, sind herzlich zu diesem Gottesdienst eingeladen. Das Gedenken an die bitteren Tage von damals und die erlebte Wende zum Guten in den Jahren danach sind einen Dank an Gott wert.
So finden Sie die Kirche am Vogelherd (Igelsdorfer Weg): Wenn Sie von der A 6 kommen, nehmen sie die Ausfahrt Nr. 56 Schwabach Süd und biegen dann nach links ab, Richtung Roth. Bei der ersten Kreuzung mit Ampel biegen Sie nach rechts ab in die Straße am Vogelherd. Die vierte Straße rechts ist dann der Igelsdorfer Weg. An dessen Ende finden Sie die Kirche Zur Göttlichen Vorsehung. Wenn Sie von Nürnberg oder über die B 2 kommen, gilt die gleiche Beschreibung. Aus Richtung Roth kommend müssen Sie links in die Straße Im Vogelherd einbiegen.

Große Lager für die Vertriebenen in Schwabach im Stadtteil Vogelherd
Für die einen dienten sie lediglich als Durchgangsstation, anderen als Notunterkunft Monate lang, sogar Jahre: die Lager für die aus der Heimat Vertriebenen. Zwei dieser Durchgangslager gab es auch in der Stadt Schwabach, im Stadtteil Vogelherd. Mit dem Kriegsende und vor allem auf der Grundlage der Potsdamer Beschlüsse der Alliierten begann die planmäßige Ausweisung der deutschen Bevölkerung aus den Ländern Ost- und Südeuropas. Die großen Vertriebenen-Transporte wurden ab Januar 1946 vor allem in die wenig zerstörten ländlichen Gebiete und die kleineren Städte geleitet.
Bayern wurde neben Baden-Württemberg und Hessen zu einem der Länder, die die meisten Vertriebenen aufnahmen. Erst Ende 1947 ging die Zeit der Massentransporte zu Ende. In diesen Jahren standen die Verwaltungen vor großen Problemen: Private Wohnräume waren Mangelware. Schulen, Fabrikhallen und ehemalige Zwangsarbeiterlager dienten den aus der Heimat Vertriebenen als erste Unterkunft. In den Durchgangslagern wurden die Menschen zunächst im Rahmen der Möglichkeiten auf ihren Gesundheitszustand hin untersucht. Sie wurden mit DDT-Pulver entlaust und registriert. Nur wer einen "Gesundheitsschein" vorlegen konnte, erhielt Lebensmittelmarken, Zuzugserlaubnis und Registrierschein. Wer kein Privatquartier bekam, musste sich manchmal auf längere Zeit mit dem Lagerleben abfinden.
Dies war auch in Schwabach so. Es gab (Siehe Foto) aus der Zeit des zweiten Weltkriegs noch ein Barackenlager für französische Kriegsgefangene. Aus ihm wurde nach dem Kriegsende das Regierungsflüchtlingslager II. Aus dem Zwangsarbeiterlager für die Ukrainer wurde das Regierungsflüchtlingslager I. Beide Lager wurden oft über die Kapazität von 1.800 Personen hinaus belegt.
Von 746 organisierten Eisenbahntransporten mit durchschnittlich 1.200 Personen, die 1946 nach Bayern kamen, hatten 46 Züge mit 50.340 Vertriebenen Schwabach als Zielbahnhof. Neben Zügen aus dem gesamten Sudetenland, Jugoslawien und Ungarn trafen auch Züge mit Vertriebenen aus dem Böhmerwald ein, so am 23.05.1946 aus Kaplitz, am 27.05.46 aus Eisenstein, am 21.10., am 03.11. und am 02.12.46 aus Krummau. Die in Schwabach Angekommenen wurden vom Bahnhof aus geschlossen ins Regierungslager II an der Rother Straße geführt. Nach den vorher schon geschilderten Maßnahmen wie Entlausung und Registrierung wurden die Heimatvertriebenen nach zwei bis drei Tagen abtransportiert und in die Dörfer und Orte im fränkischen Umland gebracht. Dort wurden ihnen dann Quartiere zugewiesen. Nicht selten bekamen die Ankömmlinge Unfreundlichkeit und Widerwillen von Seiten der Hof- und Hausbesitzer zu spüren, die Zimmer bereit stellen mussten. Andrerseits gab es auch Einheimische, die großes Entgegenkommen zeigten, vor allem als sie merkten, dass die Vertriebenen normale, fleißige und ehrliche Leute waren. Es entwickelten sich Freundschaften, die über Jahrzehnte hinaus hielten.
Durch die zugewiesenen Heimatvertriebenen wuchsen die Einwohnerzahlen der Städte und Dörfer erheblich. Von den 17.000 Einwohnern der Stadt Schwabach z. B. im Jahre 1946 waren 4.643 Flüchtlinge und Vertriebene. Im Jahr 1950 lebten unter den insgesamt 19.376 Einwohnern der Stadt 3.532 Neubürger aus Tschechien, Ungarn, Jugoslawien und Polen. Dass die Herausforderungen durch die ins Land strömenden Heimatvertriebenen und Flüchtlinge bei der gleichzeitig herrschenden Nachkriegsnot ohne erwähnenswerte Spannungen und Konflikte bewältigt werden konnten, ist erstaunlich. Der damalige Staatssekretär für das Flüchtlingswesen in Bayern stellte in seinem Gesamtbericht 1950 fest: "Es muss immer wieder als Beweis der im allgemeinen positiven Einstellung der einheimischen Bevölkerung, der Diszipliniertheit der Heimatvertriebenen und der Hingabe der Organe der Flüchtlingsverwaltung erwähnt werden, dass die Einschleusung und die Aufnahme von 1,9 Millionen Vertriebenen in Bayern nicht nur ohne Katastrophe, sondern ohne einen einzigen Zwischenfall durchgeführt wurde. Ein hoher amerikanischer Beamter hat diese historische Tatsache als das ‚größte Nachkriegswunder' bezeichnet."

Domkapitular Alois Ehrl, Schwabach
Ausgabe 05-2006

Quellen:
• Kriegsende und Neubeginn 1945. Eine Serie des Schwabacher Tagblatts v. Gerlinde Guthmann, Schwabach 1996
•100 Jahre Landkreis Schwabach <1862 - 1962>. Ein Heimatbuch. Im Auftrag d. Landkreises hrsg. v. Willi Ulsamer. Schwabach: Landkreis, 1964


Die Rettung des fotografischen Vermächtnisses von Josef und Franz Seidel wurde kürzlich vom Landsleuteverein „Glaube und Heimat“ (Víra a vlast) mit einer Summe von 10.000,– EUR unterstützt. Seine Vertreter besuchten am Samstag, den 25.03. das Fotoatelier und die Depoträume in Krummau (Český Krumlov) und unterzeichneten einen Vertrag mit dem Entwicklungsfond der Stadt Český Krumlov GmbH.
Bei dieser Gelegenheit wurde auch ein „Pilotprojekt für die Bearbeitung von 1 000 Glasplattennegativen“ in dem Bayerischen Dispositionsfond, im Rahmen des Programms EU INTERREG IIIA gemeinsam verabschiedet und unterschrieben. Im Rahmen dieses Programms wird für den gleichen Zweck für weitere 10.000,– EUR ein Antrag gestellt. Das Pilotprojekt wurde zusammen mit der Euroregio Bayerischer Wald und dem Verein „Glaube und Heimat“ ausgearbeitet und stellt somit einen konkreten Beweis für die funktionierende grenzüberschreitende Partnerschaft dar. „Bei dieser Begegnung kam es bei der Übergabe eines wertvollen Geschenks zu einem bewegenden Augenblick: Herr Robert Baierl (Redakteur der Zeitschrift Glaube und Heimat und gleichzeitig Mitarbeiter des Böhmerwaldmuseums Passau) hat als Ausdruck der Freundschaft und Unterstützung ein wertvolles Auftragsbuch der aufgenommenen Porträte mit Eintragungen vom Jahr 1942 und weiterhin einige Duzend Glasplattennegative in die Sammlungen des Fotoateliers Seidel übergeben“, teilte Herr Miroslav Reitinger, Direktor des Entwicklungsfonds der Stadt Český Krumlov GmbH, mit. Die Gesellschaft ist seit April 2005 Inhaber der Immobilie und des umfangreichen Vermächtnisses des Fotoateliers Seidel in Český Krumlov.

Český Krumlov, März 2006


Das Bildgedächtnis des Böhmerwaldes in Krummau

Die Aufarbeitung des Bestandes des Fotoateliers Seidel, das von Josef Seidel und seinem Sohn Franz von ca. 1888 bis 1949 in der südböhmischen Kleinstadt Krummau geführt wurde, ist derzeit die Aufgabe des Entwicklungsfonds der Stadt Krummau. Im April 2005 erwarb der Entwicklungsfonds das Atelierhaus mit der vollständig erhaltenen Atelierausstattung und mit einem Depot von über 140.000 Negativen und Positiven. Zunächst wurden die fotografischen Objekte und mit ihnen das gesamte Inventar registriert und geborgen, da das Gebäude dringend saniert werden mußte.
Die Renovierungsarbeiten und die Rekonstruktion laufen nun auf Hochtouren, ebenso die Vorbereitungen für das geplante „Muzeum Fotoateliér Seidel“. Im Frühjahr 2008 sollen sich die Türen des Fotoateliers Seidel in Krummau wieder für Besucher öffnen, nach fast 60 Jahren Unterbrechung. Das Archiv des Photoateliers Seidel enthält rund 140.000 Glasplatten.

Ein Fotoatelier im Dornröschenschlaf

Franz Seidel, der zweite und letzte Fotograf des Familienunternehmens, wohnte mit seiner Frau Maria bis zu seinem Tod im Jahre 1997 im Gebäude des ehemaligen Fotoateliers in der Linzergasse (Linecká) in Krummau (Titelabb.) 1905 war es mit Atelier- und Empfangsraum, Dunkelkammern, weiteren Arbeitsräumen, Büro und Depot im Dachboden zur rein geschäftlichen Nutzung erbaut worden, ab Ende der 1930er Jahre bis 2005 wurde es auch als Wohnhaus genutzt. Dort führte das kinderlose Ehepaar Seidel ein relativ zurückgezogenes Leben. Freundschaftliche Kontakte pflegten die Seidels allerdings zu einigen Österreichern und Deutschen, darunter den Mitarbeitern des Böhmerwaldmuseums in Passau, von denen sie schon vor dem Fall des Eisernen Vorhangs etliche Male besucht wurden und die sich stets für die Fotografien interessierten. Diesen vertrauten Besuchern zeigte Franz Seidel gerne seine Bilder und die seines Vaters, er nahm sie mit in den Atelierraum des Hauses, ließ sie auch einen Blick auf den Dachboden werfen. Dort befanden sich einige Zehntausend Glasplattennegative: das Depot des Ateliers, das seit der Schließung durch die kommunistischen tschechoslowakischen Behörden nur noch privat genutzt wurde. Die Öffentlichkeit hatte keinen Zugang dazu.
Es war zwar bekannt, dass es im Haus noch Aufnahmen und Gerätschaften aus der Zeit des Fotoateliers Seidel geben mußte, Genaues wußte die Krummauer Bevölkerung aber nicht. Es glich daher einer kleinen Sensation, als nach dem Tod Maria Seidels im Jahr 2003 die Nachricht von der Existenz zigtausender historischer Fotografien aus Krummau und dem gesamten Böhmerwaldgebiet an die Öffentlichkeit gelangte. Nicht nur Bilder waren erhalten geblieben, sondern die komplette Atelierausstattung: Studio- und Reisekameras englischen Typs, Leinwände mit aufgemalten Hintergrundmotiven und verschiedene Ateliermöbel, die auf den alten Aufnahmen zu erkennen sind, außerdem Vergrößerungsgeräte, keramische Wannen für die Entwickler- und Fixierbäder, Kopierrahmen zur Herstellung von Fotopostkarten, Geschäftsakten und vieles mehr.
Doch was sollte nun mit diesen fotografiehistorischen Kostbarkeiten geschehen? Die in Deutschland und Österreich ansässige Erbengemeinschaft der Eheleute Seidel hatte großes Interesse daran, dass das Haus und der fotografische Nachlaß in gute Hände gelangen sollten. Robert Baierl, Historiker und Mitarbeiter des Böhmerwaldmuseums Passau, trat mit den Erben in Kontakt und setzte sich mit ihnen für die Rettung und den Erhalt des Hauses, des Inventars und des reichen Bildbestandes ein. Durch die engagierte Vermittlung Robert Baierls und Mgr. Ivan Slavíks, des stellvertretenden Direktors des Regionalmuseums in Krummau, gelang es, den Entwicklungsfonds der Stadt Krummau als Käufer für das Atelier- und Wohnhaus Seidel zu gewinnen. Mit dem Kauf verpflichtete sich der Entwicklungsfonds, das fotografische Erbe der Familie Seidel zu bewahren, an ihr bewegtes Schicksal und an ihre Bedeutung für Stadt und Region zu erinnern.

Die Anfänge des Ateliers
Noch bevor Josef Seidel, geboren 1859 in Hasel (Líska) in Nordböhmen, sein eigenes fotografisches Atelier betreiben sollte, hatte er in seiner Heimat das Handwerk des Glasschleifers bzw. Porzellanmalers erlernt. Danach ging er auf Wanderschaft, auf der er sich das Fotografenhandwerk aneignete, und verbrachte einige Zeit in verschiedenen Orten der österreichisch-ungarischen Monarchie, u.a. in Siebenbürgen, Mähren, Wien und in Rumänien. In diesen Jahren besuchte er auch Zeichenkurse, lernte retuschieren und fotografische Platten zu „präparieren“, d.h. Emulsionen herzustellen.
1888 ließ sich Seidel im südböhmischen Krummau nieder. Er arbeitete zunächst als Angestellter im Fotoatelier der Witwe Gotthard Zimmers in der Linzergasse, doch nach zwei Jahren übernahm er das Geschäft und führte es unter eigenem Namen weiter. Schon früh widmete er sich nicht nur der Porträtfotografie im Studio, sondern bereiste auch die Umgebung, den Böhmerwald, wo er Menschen, Ortsansichten und Naturschönheiten fotografierte. Die Aufnahmen aus dem Böhmerwald nutzte er zur Herstellung von Ansichtskarten, ab der Jahrhundertwende brachte Josef Seidel diese in einem eigenen Postkartenverlag heraus. Zu seinen Kunden und zu seinen Ansichtskartenmotiven gelangte Seidel zu Fuß, mit dem Fahrrad, im Winter auf Skiern, ab 1905 per Motorrad und ab 1933 mit dem Auto. Sein Geschäft florierte, und so konnte er im Jahr 1905 die freistehende Atelierhütte aus Holz durch einen repräsentativen Neubau mit großem Glasdach, geplant vom Architektenbüro C.H. Ulrich aus Berlin-Charlottenburg, ersetzen.

Das Fotoatelier als Ort der Verständigung
Um dieses kostbare Erbe bestmöglich zu bewahren, ist mittlerweile der gesamte fotografische Nachlaß aus dem Atelierhaus in ein klimastabiles Depot überführt worden. Langfristig ist die Digitalisierung des gesamten Bestandes geplant, um die Bildinformation des kompletten Fundus für die Erschließung und weitere Nutzung zur Hand zu haben. Außerdem werden dadurch die Originale geschont, sie sollen auf Dauer in einem Ruhedepot sachgerecht gelagert und so für die Zukunft bestmöglich erhalten zu werden. Einen ersten Schritt zu diesem Ziel hin stellte das von der EU geförderte Pilotprojekt vom Frühjahr 2006 dar, bei dem die 31 Findbücher und 1.000 Negative von der CD-LAB Gesellschaft zur Inventarisation und Dokumentation digitalisiert wurden; der Großteil der Projektmittel wurde vom deutschen Böhmerwälder-Verein „Glaube und Heimat“ aufgebracht. Die Digitalisierung der weit über 100.000 verbleibenden Negative ist bislang noch nicht gesichert. Derzeit nutzt der Entwicklungsfonds der Stadt Krummau EU-Gelder aus der Interreg-III-Förderung der Euregios, um die Kosten für die Restaurierung des Atelierhauses und die Einrichtung eines Museums zu bestreiten.
Bei der Planung des „Muzeum Fotoateliér Seidel“ ist es den Mitarbeitern des Entwicklungsfonds ein großes Anliegen, dass in der Ausstellung das Schicksal der grenzübergreifenden Region Böhmerwald und der Familie Seidel beleuchtet wird. Ebenso möchte man den Fotointeressierten und Gästen aus aller Welt das ursprüngliche Atelier und seine Funktionsweise zeigen und erklären. Natürlich wird man sich als Museumsbesucher auch einen Einblick in das Werk der beiden Fotografen verschaffen und so am fotografischen Gedächtnis des Böhmerwaldes teilhaben können. Wichtig ist den Museumsplanern dabei, dass die Besucher die Seidel-Bilder nicht als einzigen möglichen Blick auf die Vergangenheit, sondern als eine historische Perspektive darauf begreifen: Die Fotografien von Josef und Franz Seidel sollen die Museumsbesucher einladen, sich mit der Geschichte der Böhmerwaldregion im 19. und 20. Jahrhundert auseinanderzusetzen, sich der Vergangenheit aus verschiedenen Blickwinkeln zu nähern und sich darüber auszutauschen. Man erhofft sich davon, dass das Fotoatelier Seidel, neben seiner Funktion als Fotografiemuseum, auch zu einem Ort der Begegnung, des Austausches und der Verständigung von derzeitigen und ehemaligen Böhmerwaldbewohnern, von Tschechen, Österreichern, Deutschen und Menschen anderer Nationalitäten wird.

Theresa Langer
gekürzt in Auszügen aus Ausgabe 08-2008