Ausblick in die Zukunft

Zum derzeitigen sudetendeutsch - tschechischen Verhältnis und was 2009 zu erwarten ist…

Zur Jahreswende 08/09 stellt der aufmerksame Beobachter - auch aus der jüngeren Generation der Sudetendeutschen zum derzeitigen Verhältnis Konträres, Disparates sowie mehr Fragen als Antworten fest - immer noch, 63 Jahre nach der Vertreibung, fast 20 Jahre nach der Wende.

Von sudetendeutscher Seite wurden über die Jahrzehnte seit der Vertreibung zahlreiche versöhnliche Botschaften und Appelle zur gemeinsamen Bewältigung der Vergangenheit an das tschechische Volk ausgesandt, zuletzt die Entschließung der Bundesversammlung (BV XIV/ 1 – 12; www.sudeten.de) zum Jahr 2008 anlässlich des Gedenkens der „8er Jahre“ (1348, 1618, 1648, 1848, 1918, 1938, 1948 und 1968) und deren Bedeutung im Erleben und Denken beider Völker. Sie enthält nach wie vor den dringenden Appell an die tschechische Seite, in einen direkten Dialog über alle belastenden geschichtlichen Ereignisse einzutreten.

Auf vielen Ebenen der direkten Begegnung von Mensch zu Mensch, von Kommune zu Kommune entwickelten sich bisher über die Jahre hin kultureller Austausch, Schul- und Städtepartnerschaften und – dadurch erfreulich getragen – auch wechselseitiges Verständnis. Die Initiativen gingen auch von Tausenden sudetendeutschen Landsleuten und deren Heimatkreisen aus, die für den Wiederaufbau ihrer Heimatkirchen und anderer Kulturdenkmäler spendeten und selbstlos kaum zählbare Arbeitsstunden leisteten – oft mit tschechischen Bürgern zusammen – um die Zeugnisse der mehr als 800-jährigen Kultur der Deutschen in den böhmischen Ländern zu erhalten.

Einerseits ließ der Erfolg dieser Kontakte und Aktivitäten – auch für die heutige tschechische Gesellschaft – Hoffnung aufkeimen, dass daraus auch auf staatlicher tschechischer Ebene eine generelle Einsicht in die Unrechtmäßigkeit der Vertreibung und der kollektiven Enteignung fast eines Drittels des Staatsvolkes entstehen würde, insbesondere seit dem Beitritt der Tschechischen Republik zur EU. In dieser europäischen Nachbarschaft sollten wir rechtlich gleichgestellte Bürger sein, eines Europas, das sich in gemeinsamen Werten ebenso vereint sehen möchte wie als Modell für Demokratie und Frieden in der Welt von morgen.

Hier allerdings rückt das bedauerliche (und im geeinten Europa nicht mehr erträgliche) „Andererseits“ ins Blickfeld. Während sich Bundesminister Hans-Christoph Seebohm – auch als Sudetendeutscher - erstmals bereits beim Sudetendeutschen Tag im Jahr 1963 für alle Verfehlungen und Verbrechen, die von Repräsentanten des deutschen Volkes gegenüber Angehörigen des tschechischen Volkes begangen worden sind, entschuldigte, steht ein umfassendes Bekenntnis zum Unrecht der Vertreibung und die Aufhebung der die Sudetendeutschen diskriminierenden Benes-Dekrete seitens des tschechischen Staates nach wie vor aus. Vielen aufrechten Tschechen, speziell in der nachgeborenen Generation, ist dabei wohl bewusst, dass in ihrer jungen tschechischen Geschichte den Sudetendeutschen großes Unrecht geschah. Es lassen sich hoffnungsvolle Signale auf Gesprächsbereitschaft durchaus feststellen, doch die offizielle Politik verweigert sie bisher trotz aller Bemühungen der deutschen Seite.

Warum? Letztlich – so verdeutlicht es sich in den letzten Monaten aufs Neue und zunehmend – ist es die Furcht vieler tschechischer Politiker vor möglichen Konsequenzen des Eingeständnisses. Oft steht der Erhalt der Wählergunst klaren Aussagen zur Umsetzung einer gewonnenen Erkenntnis im Weg.
Wer Unrecht getan hat, muss sich überlegen, wie er es wieder gut machen kann. Das weiß in unseren Breiten bereits jedes Kind. Es weiß auch, dass man das Unrecht nicht ungeschehen machen, nur lindern, nur heilen kann, und zwar durch Maßnahmen, die den Versöhnungsprozess fördern. Neben der Aufhebung von in der EU nicht hinnehmbaren Gesetzen können dies kleinere, größere Gesten, symbolische Akte, Taten sein, die der Gegenseite einerseits das Verzeihen erleichtern, andererseits befürchtete Forderungen ins Maßvolle, Machbare, Freundschaftliche wandeln. Härte dagegen, Leugnung, Starrsinn oder etwa Ansichten wie kürzlich die von dem tschechischen Senatspräsidenten Přemysl Sobota (ODS) geäußerte Perspektive, lieber aus der EU auszutreten, als auch nur das Geringste zu geben, verhärten das Gegenüber, nämlich die seit Jahrzehnten auf die versöhnliche Hand der Tschechen wartenden Sudetendeutschen und deren Nachkommen. Solange die immer noch angewendeten, die Sudetendeutschen betreffenden Dekrete aus der Nachkriegszeit gelten, hält der Zustand des Vertriebenseins auch für die Nachgeborenen an.

Wie lässt sich dieser immer noch trennende „Graben“ zu einem gedeihlichen Miteinander überwinden?

Zu Jahresbeginn 2009 übernimmt die tschechische Republik die europäische Ratspräsidentschaft. Augen und Wahrnehmungen ganz Europas sind somit auf das Land in der Mitte Europas fokussiert. In weiten Teilen ist es auch das Land der Sudetendeutschen und ihrer in Jahrhunderten erbrachten Leistungen in der Heimat.
Die Ratspräsidentschaft bietet den Tschechen die Chance, parallel zu ihrem Einsatz für die europäische Zukunft, die sie fortwährend bedrückende und tief ängstigende Altlast der Vertreibung der Deutschen Böhmens endlich, und vor allem von sich aus zu regeln und sich und andere zu befreien. Mutiger Hand-und Brückenschlag kann Wunder bewirken.
Die Umsetzung, Details, Machbares, Nicht-Mögliches zu klären, ist dann operative, nachrangige Politik. Damit diese gelingt, sind mutige und selbstlose Politiker mit Weitblick vonnöten, die ihrem Volk in europäischer Gesinnung vorangehen, statt es (wie schon oft populistisch, nationalistisch) zu verängstigen.
Des Weiteren bietet die Europawahl im Juni 2009 die Möglichkeit zu neuen Ansätzen für Sudetendeutsche und Tschechen. Bernd Posselt, seit etwa einem Jahr Sprecher der Sudetendeutschen - erstmals aus der nachgeborenen Generation – ist gleichzeitig überzeugter Europäer. Zusammen mit dem Schirmherrn aller Sudetendeutschen, dem bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer, ist er zuversichtlich im Hinblick auf die überfällige Annäherung in bisher trennenden Fragen. Wahrheit, Recht und Gerechtigkeit müssen dabei feste Pfeiler in Europa sein.

In der Weihnachtsausgabe meiner Zeitung formulierte Prof. Dr. Dr. Erwin Möde von der Universität Eichstätt folgenden Gedanken: „Dunkelheit ohne Chance auf Licht, das wäre unerträgliche Finsternis […]. Niemand, kein Mensch und kein Volk kann Finsternis auf Dauer ertragen.“ „Gott ist Heil, Gott ist Licht“, folgert Professor Möde, aber wir Menschen, so liest es sich heraus, müssen das Unsere dazutun, dass es licht werden kann. – Ich persönlich meine: Beenden wir – beide Seiten gemeinsam und bald – die „Finsternis der unbewältigten Vergangenheit“ durch für beide annehmbare konkrete Schritte! Bearbeiten wir auf der Suche nach Lösungen folgende grundsätzliche Frage: Wann endet Vertreibung? In den Antworten darauf liegt meines Erachtens der Weg in die versöhnte Zukunft. Das beginnende Jahr wurde überdies von der UNO zum Jahr der Versöhnung ausgerufen. Die tschechische EU Ratspräsidentschaft steht unter dem selbstgewählten Motto „Europa ohne Barrieren“.
2009 könnte ein Aufbruch werden.

Elke Pecher
Mitglied der Bundesversammlung der Sudetendeutschen Landsmannschaft
Angehörige der Mittleren und Jüngeren Generation